Lernen aus Le Bons Meisterwerk „Psychologie der Massen“: Wir müssen aufhören, über jedes digitale Stöckchen zu springen, das man uns hinhält
In einer Zeit, in der das Smartphone unser Tor zur digitalen Welt geworden ist, die uns sekündlich mit den globalen Erregungskurven konfrontiert, wirkt Gustave Le Bons Buch von der „Psychologie der Massen“ aus dem Jahr 1895 wie eine Prophezeiung, die heute ihre schärfste Form vermutlich in dieser Zeit und in diesem Land erreicht hat.
Wir blicken oft mitleidig auf die 30er Jahre in Deutschland zurück und fragen uns, wie eine ganze Gesellschaft so kollektiv den Kompass verlieren konnte.
Wir wiegen uns in der bürgerlichen Sicherheit, dass Bildung, Aufklärung, eine wenigstens rudimentäre christliche inspirierte Erziehung und inzwischen sogar das Internet uns immun machen könnte gegen allerlei wahnsinnige Verführungen. Wie konnten die nur so blöde sein, fragen wir uns dann, wenn wir auf „Phoenix“ eine Dokumentation sehen, die uns ekstatische Österreicher bei der Ankunft „des Führers“ an der Wiener Hofburg im März 1938 zeigen. Was hat man denen vorher ins Trinkwasser geschüttet, so fragt man sich dann unwillkürlich, wenn man den Irrsinn betrachtet.
Doch die Wirkung der Masse auf das Individuum hat noch immer nach dem gleichen Muster funktioniert.
Wenn Sie schon mal in ausverkauften großen Fußballstadien waren, wissen Sie, was ich meine. Oder wenn einst bei Konzerten von Michael Jackson oder auch den „Backstreet Boys“ ohnmächtige Kids zuhauf aus der Menge gezogen wurden von Ordnern und Sanitätern, lange bevor die Popidole überhaupt auf der Bühne angekommen waren – es funktioniert immer auf die gleiche Art und Weise.
Le Bons zentrale These ist schlicht und beängstigend
Sobald der Einzelne Teil einer Masse wird, sinkt sein intellektuelles Niveau. Punkt.
Das Individuum, der Einzelne, gibt seine kritische Urteilskraft an der Garderobe des Kollektivs ab und tauscht sie gegen die Wärme der Zugehörigkeit in der Menge und die Wucht der einfachen Parole ein.
In der Masse, so behauptet Le Bon, ist der Mensch nicht mehr fähig zu logischen Schlussfolgerungen; er denkt in Bildern, in Affekten und in absoluten Wahrheiten. Was Le Bon im 19. Jahrhundert an physischen Menschenansammlungen auf den Boulevards von Paris beobachtete, erleben wir heute als eine digitale Ansteckung.
Die sozialen Medien wirken dabei als Brandbeschleuniger. Ein Tweet, ein kurzes TikTok-Video oder eine aus dem Kontext gerissene Schlagzeile lösen beim Einzelnen eine Erregung aus, die keine sachliche Prüfung des Themas mehr zulässt.
Die deutsche Aufregungsgesellschaft ist heute genauso leicht zu lenken wie früher
Das ist die ernüchternde, ja erschreckende Wahrheit. Die Ränder des politischen Spektrums, ob links oder rechts, beherrschen die Klaviatur der Massenpsychologie meisterhaft. Sie arbeiten mit dem, was Le Bon „Prestige“ nennt – einer aura-artigen Autorität, die keinen Widerspruch duldet.
Wenn die radikale Rechte heute von „Widerstand“ spricht und gleichzeitig einem autoritären Führer in Russland huldigt, ist das ein logischer Widerspruch, der jedoch in der Logik der Masse überhaupt keine Rolle spielt.
Die Masse hungert nicht nach Logik, sondern nach Identität und Feindbildern. Sie will das Selbstbestimmungsrecht der Völker predigen und es im nächsten Moment opfern, wenn es der eigenen Erzählung vom „er konnte ja nicht anders“ dient.
Das können Sie besonders beim Umgang mit dem ukrainischen Präsident Selenskyj in den Putin-freundlichen Milieus rechts und links erkennen.
Gebt den Leuten nur ein Feindbild, und zwei Drittel marschieren sofort los
Oder, wie Kriegsphilosophen empfehlen: „First take out the Leader“. Das ist der halbe Sieg. Deshalb setzen die hybriden Angriffe aus St. Petersburg und ihre Hilfstruppen in Deutschland genau dort an, bei dem tapferen Anführer in Kiew.
Was über Selenskyj im Netz, auf Telegram und auf TikTok geteilt und verbreitet wird, ist in den meisten Fällen dermaßen grotesk, dass ich oft spontan lachen muss, wenn ich wieder irgendeine neue „Enthüllung“ über den Mann lese oder anschaue. Etwa, dass er über eine Mailänder Anwaltskanzlei, die ihm gehören soll, das Kehlsteinhaus auf dem Obersalzberg gekauft habe. Das ist zwar frei erfunden, aber sie schauen es zu Hunderttausenden an und – schlimmer noch – sie glauben den Schmonzes.
Oder, noch dümmer, mitten im Krieg habe Selenskyj ein Spielcasino auf Zypern für 60 Millionen Euro erworben, natürlich mit abgezweigtem deutschen Steuergeld.
Sie lesen das, und müssen spontan loslachen
Aber eine Masse Mensch, die solche Schauergeschichten aus der St. Petersburger Trollfabrik unbedingt glauben will, ist für rationale Argumente heute gar nicht mehr erreichbar.
Hier zeigt sich auch die gefährliche Parallele zu den 1930er Jahren der Weimarer Republik: Viele Menschen empfinden eine tiefe Sehnsucht nach einfachen Lösungen in einer immer komplexeren Welt.
Damals war es das Radio und die Masseninszenierung auf dem Marktplatz; heute ist es der Algorithmus, der uns in Echokammern einpfercht, bis wir glauben, unsere kleine, laute Gruppe sei „das Volk“.
In der Logik der Aufregungsgesellschaft gilt Sachlichkeit heute als mangelnde Leidenschaft.
Wer differenziert, wer das „Einerseits-Andererseits“ versucht, wird zwischen den mahlenden Steinen der Ideologen zerrieben.
Die „Psychologie der Massen“ lehrt uns, dass die Zivilisation oft eine sehr dünne Decke ist, die jederzeit reißen kann, wenn die „Führer“ der Masse die richtigen Knöpfe drücken.
Für uns Deutsche ist das eine paradoxe Angelegenheit heutzutage. Während wir technisch im 21. Jahrhundert leben, sind unsere emotionalen Reaktionsmuster oft noch immer auf dem Stand der 30er Jahre – impulsiv, unversöhnlich und sehnsüchtig nach der starken Hand, die das Chaos ordnet.
Ruhiges Abwägen der vorgetragenen Argumente, andere Meinungen auch auszuhalten und standhaft zu bleiben, auch wenn man damit mal in der Minderheit ist, sowas wäre wie ein Immunsystem gegen das, was wir in unserem Land gerade erleben.
Erst wenn wir aufhören, über jedes digitale Stöckchen zu springen, das man uns hinhält, entziehen wir der toxischen Massenpsychologie die Energie.
Die Zukunft unseres Landes entscheidet sich nicht nur an der Wahlurne, sondern auch in der täglichen persönlichen Entscheidung, kein Rädchen im Getriebe der kollektiven Erregung zu sein, sondern sich die Zeit zu nehmen, zu prüfen und abzuwägen, was Wahrheit und was Fiktion ist.
Wie konnte das damals passieren, fragen Sie?
Genau so, weil man sich damals von der gesteuerten Erregung genauso hat treiben lassen, wie das heute auch wieder versucht wird.
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Klaus Kelle, Chefredakteur