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Als ich mal fast tot war

KLAUS KELLE

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!

Falls Sie gratulieren möchten: Ich habe heute meinen zehnten Geburtstag. Denn heute so gegen 7 Uhr vor zehn Jahren war ich fast tot. Schwerer Herzinfarkt, drei Mal mit Stromstößen zurückgeholt, fast drei Wochen im künstlichen Koma. Glauben Sie mir, das muss man nicht haben.

Ich erzähle Ihnen heute davon, um Ihnen, die vielleicht Angst haben, so etwas auch mal erleben zu müssen, weil Sie vielleicht ungesund leben, zu wenig Bewegung im Lebensalltag und zu viel Stress auf der Arbeit haben, wissen wollen, was auf Sie zukommen könnte.

Wichtigste Lehre: Man nimmt es nicht ernst, so lange, man es nicht erlebt hat

Also, bei mir war das damals jedenfalls so. Ich erinnere mich heute noch an einem Samstag im November 2015, an dem ich mit unserem Sohn Paul nach Bielefeld zu einem Fußballspiel gefahren war. Nicht als Spieler natürlich, sondern als Zuschauer.

Seit Jahrzehnten parke ich immer am gleichen Platz, zugegeben nicht ganz entsprechend der Straßenverkehrsordnung. Meistens komme ich ohne Knöllchen davon, zweimal pro Saison erwischt es mich. Aber es ist eine Win-Win-Situation, jedenfalls deutlich preiswerter, als jedes Mal in ein gebührenpflichtiges Parkhaus zu fahren.

An diesem Tag im November 2015 musste ich zweimal beim Fußweg zur „Alm“ stehen bleiben, weil ich einen deutlichen Druck in der Brust spürte, ohne zu wissen, woran das lag. Stehen bleiben, mit der rechten Hand ein paar Mal an der Stelle reiben, und als es nachließ, weiter gehen. Das wiederholte sich noch einmal. Dann waren wir auf der Südtribüne, Bier trinken, schmutzige Lieder singen, Spaß haben.

Wäre ich heute in der gleichen Situation, ich würde mich auf dem Absatz umdrehen und sofort ein Taxi nehmen, das mich zum nächsten Krankenhaus bringt. In diesem Fall wären es nur zwei Kilometer bis zum St. Franziskus Krankenhaus gewesen.

Aber ich konnte damals nicht einschätzen, was los ist

Am 30. Januar 2016 dann Jackpot! Glücklicherweise war meine Frau in der Nähe, glücklicherweise war die Notarztpraxis nur 2 Minuten Fahrzeit entfernt, glücklicherweise reagierten alle sofort und richtig. Sonst hätte ich keine Chance gehabt, zu überleben.

Ich könnte ein Buch über all die Erfahrungen und die berührenden schönen und später auch enttäuschenden Ereignisse aus dieser Zeit und danach schreiben. Glauben Sie mir: nach so einem Tanz am Abgrund ist nichts mehr wie es einmal war.

Das Denken verändert sich in manchen Bereichen fundamental, und das hat sich bis heute – nach zehn Jahren – nicht geändert.

Als ich irgendwann nach drei Wochen langsam aufwachte, nahm ich wahr, dass ich wohl in einem Krankenhaus bin, wusste aber weder wo und vor allem nicht warum. Die erste Schwester, die reinschaute, erzählte mir, dass ich einen Herzinfarkt hatte und in Mönchengladbach sei. Meine Frau erzählte mir dann, was genau passiert war, und dass mein Schwager und mein ältester Sohn, die dabei waren, sehr geholfen hatten. Während ich von der Feuerwehr aus dem zweiten Stockwerk unseres Hauses gehievt wurde, rief meine Frau schnell ihre beste Freundin an und informierte sie. Die erzählte es ihrem Mann, und mein lieber Freund Felix rief sofort unseren Pfarrer an um ihm mitzuteilen, dass ich es vielleicht nicht schaffen werde, und wir ihn jetzt sehr bräuchten. Pater Klaus ließ alles stehen und liegen und raste zum Krankenhaus, wo er fast zeitgleich mit mir ankam.

Es war dramatisch, das können Sie mir glauben

Aber ich habe überlebt. Als ich wach wurde, hatte ich – quasi im Schlaf – elf Kilo abgenommen. Nach der späteren Reha habe ich noch bei Weight Watchers eingecheckt und so insgesamt 20 Kilo weniger – das ist ein ganz anderes, ein wunderbares, Lebensgefühl. Ich hörte natürlich sofort mit dem Rauchen auf, und sündige bis heute lediglich, wenn ich mit Freunden zusammensitze und wir uns zum Wein – Rotwein ist übrigens gut fürs Herz – und mit ausdrücklicher Genehmigung meines Kardiologen ab und zu eine Zigarre gönne. Das ist in Stück Lebensqualität, und da man die Dinger nicht „auf Lunge“ raucht, auch nicht wirklich gesundheitsschädlich.

Was mich sehr berührt hat, war die unerwartete Zuneigung quer durch die Republik. Es gibt bei mir zu Hause noch heute einen Aktenordner, wo die vielen Mails, Karten und Briefe von damals aufbewahrt sind. Über 1000 bekamen wir, die meisten mit Genesungswünschen, aber viele auch, die ihre eigenen Schicksalsschläge mit mir teilen wollten und sich mit mir verbunden fühlten. Über Facebook organisierten sich „Gebetsketten“ von Menschen, die sich zusammenfanden, und für meine Wiederherstellung beteten. Ein Berliner Paar, liebe Freunde seit vielen Jahren, glauben eigentlich nicht an Gott und wussten auch gar nicht, wie man betet. Aber sie taten es trotzdem, wie ich viel später erfuhr – um keine Chance verstreichen lassen. Ein katholisches Kloster in Bayern hielt eine Messe für mich, vor unserem Wohnhaus wurden nachts Blumen abgestellt, obwohl ich ja noch lebte. Und Andrea, selbst Mutter, kam jeden Mittag zu uns nach Hause, um für unsere Kinder und meine alte Mutter Mittagessen zu kochen.

Was ich sagen will: all das verändert einen Menschen, und es hat mich verändert. Ich bin sentimentaler geworden, und die alltägliche Angst, die viele Menschen normalerweise haben vor dem Tod, vor schweren Schicksalsschlägen oder was auch immer – das ist einfach weg, wenn Sie mal so nah dran waren.

Sie müssen nicht jeden Tag ins Fitnessstudio gehen oder nur noch grünen Salat und Knäckebrot essen. Aber übertreiben Sie es nicht! Lassen Sie das Rauchen von Zigaretten sein, Alkohol nur in Maßen, und fünf Scheíben Bauchspeck auf dem Grill sind – ehrlich – nicht förderlich für Ihre Gesundheit.

Und Sie sollten auch wissen: Wenn Sie nach so einem „Event“, wie mein Kardiologe das mal bezeichnete, wieder auf den Beinen sind, sich gut fühlen und auch in der Knetgummi-Therapie wieder gelernt haben, ihre alte Unterschrift ungefähr hinzubekommen, glauben Sie bloß nicht, dass alles dann so weitergeht wie vorher!

So, das war heute Mal ein bisschen persönlicher. Ich werde nie vergessen, was meine Familie, meine Freunde, aber auch die vielen Menschen, die damals in den sozialen Netzwerken gebangt und gebetet haben, damals für mich getan haben. Und vor allem: dass sie alle da waren, als ich sie wirklich brauchte.

Mit herzlichen Grüßen und ehrlicher Dankbarkeit!

Ihr Klaus Kelle

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Klaus Kelle, Chefredakteur