Anderswo ist auch nicht alles Gold, was glänzt: Warum so viele Auswanderer nach fünf Jahren wieder hier sind
Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!
Spielen Sie auch mit dem Gedanken, Deutschland zu verlassen? Vielleicht sogar für immer? In unseren eher konservativen und wirtschaftsliberalen Milieus ist das seit einigen Jahren ein Dauerthema.
Einzelne Bekannte von mir haben den Schritt sogar inzwischen vollzogen, und wenn sie alle Möbel auf dem Umzugswagen verstaut und alle Koffer gepackt haben, dann verabschieden sie sich oft wortreich und voller Enthusiasmus und Vorfreude auf ihr vermeintlich sorgenfreies und glückliches neues Leben.
Tja, Reisende soll man nicht aufhalten, heißt es ja immer gern. Und, ganz ehrlich, ich habe mir solche Gedanken auch schon gemacht, wenn wieder neue Horrorzahlen über die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland veröffentlicht werden. Und wenn ich sehe und höre, wie viele Irre in diesem Land unterwegs sind, ein Messer immer griffbereit unter der Jacke. Und dann die Verwahrlosung und Vermüllung in den Großstädten und was es für asoziale Menschen gibt.
Ja, es gibt schon Gründe auszuwandern
Die meisten Deutschen, die den Schritt wagen – kein Witz – ziehen übrigens nicht ins Silicon Valley nach Kalifornien oder auch, wie so gern erzählt wird, nach Ungarn. Sie ziehen in die Schweiz und nach Österreich.
Über 323.600 Deutsche lebten Anfang 2024 in der Schweiz: Alpenpanorama und Käsefondue, ähnlicher Sprachklang, hohe Löhne (aber auch Kosten) und natürlich die Nähe zu Deutschland. So ähnlich ist alles in Österreich, wo 232.700 Deutsche mit Stand 2024 eine neue Heimat gefunden haben.
Das wichtigste Fernziel außerhalb Europas sind natürlich die USA. In Europa sind noch Spanien und Frankreich besonders beliebt zum Auswandern.
Aber dass es jetzt alle aus politischen Gründen nach Ungarn ziehen würde, ist ein Märchen. Und nach Russland wandert überhaupt niemand aus, besonders nicht die Putin-Fans, die es ja in manchen Teilen Deutschlands reichlich gibt, von denen aber – ich bedauere das außerordentlich – niemand wirklich seine Sachen packt und abhaut, sondern hier lieber schimpfend, aber gut und gerne lebt.
Es lohnt sich bei solchem Gerede vom Auswandern – so wie übrigens bei allen Themen – immer mal ein bisschen genauer hinzuschauen.
Wir hören ja jeden Tag, wie viele gut ausgebildete Leistungsträger Deutschland den Rücken kehren. Und wir beklagen, wie viele ungebildete und auch unwillige Menschen aus Shithole-Countrys hier einreisen. Das hat alles einen wahren Kern.
Aber zur Wahrheit gehört auch…
Und das sind offizielle Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Im Jahr 2024 verließen 270.000 Deutsche unser Land. Aber im gleichen Jahr kehrten auch 190.000 Deutsche, die einige Jahre vorher „ausgewandert“ waren, wieder zurück. Deutschland verlor also nicht 270.000 gut ausgebildete Fachkräfte, sondern maximal netto 80.000. Das ist auch viel, aber es relativiert unseren Blick auf das Phänomen Auswanderung doch erheblich.
Für viele Auswanderer aus Deutschland ist dieser Schritt nicht final, sondern eine temporäre Lebensphase. Ein sehr hoher Anteil der deutschen Auswanderer ist nämlich nach maximal fünf Jahren wieder zurück in Deutschland.
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Ihre praktischen Erfahrungen in der Fremde – auch wenn es nur innerhalb Europas oder gar dem deutschen Sprachraum war – zeigen nämlich, dass anderswo auch nicht alles Gold ist, was glänzt.
Über die Gründe für die Rückkehr gibt es zahlreiche wissenschaftliche Studien, die auf den Erfahrungen von Rückkehrern basieren. Das können zwischenmenschliche Gründe sein, etwa der Wunsch, wieder näher bei Eltern oder Großeltern in der Heimat zu leben oder kranke Angehörige zu pflegen. Das kann der Abschluss eines Studiums oder eines zeitlich begrenzten beruflichen Projektes sein. Und – das wird sehr häufig genannt – wenn man Kinder bekommen und eine Familie gründen will oder wenn der Lebensabend naht, dann ziehen viele Deutsche gern wieder in die Heimat zurück und erfreuen sich daran, in einem Land mit einem weltweit geschätzten Sozial- und Gesundheitssystem leben zu dürfen.
Kein Mensch käme auf den Gedanken, nicht zurück nach Deutschland zu kommen, weil hier die AfD so stark ist oder weil Friedrich Merz Bundeskanzler ist. Das sind alles absurde Horrorgeschichten.
Als ich damals darüber nachdachte, ob ich nicht auch anderswo meine letzten Lebensjahre verbringen könnte als hier, waren meine drei Sehnsuchtsländer die USA, Portugal und Kroatien.
Fantastische Menschen, tolles Wetter und ein Lebensgefühl, das so ganz anders ist als das in Deutschland. Entspannter die Leute, mehr Lebensqualität, mehr Freiheit, fantastisches Essen. Ja, ich könnte überall dort leben und sicher auch noch in einigen anderen Ländern wie Italien, Griechenland oder irgendwo in Skandinavien. Aber ich bin nun mal Deutscher, und ja, irgendwie liebe ich mein Land mit all seinen Brüchen und Behäbigkeiten und seinen Traditionen und Hundehaltern und Gartenzwergen und samstags Auto waschen.
Es ist einfach meine Heimat. Und weit weg von meinen Kindern und meinen Enkeln leben – das schließe ich für mich definitiv aus.
Kommen Sie alle gut ins Wochenende!
Ihr Klaus Kelle
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Klaus Kelle, Chefredakteur