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Angst vor dem Zusammenbruch des Mullah-Regimes

Riskantes Spiel im Nahen Osten: Die Türkei schwebt zwischen Triumph und massivem Verlust an Einfluss

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Blick über Ankara

Die syrische Übergangsregierung verdankt ihre Existenz maßgeblich der jahrelangen militärischen Unterstützung Ankaras. Syrien ist faktisch von einem feindseligen Nachbarn zu einem Juniorpartner Erdoğans geworden.

Mit dem Wegfall Assads und dem Rückzug Russlands aus Tartus und Hmeimim ist der iranische Korridor zum Mittelmeer gekappt. Die schiitische Einflusslinie von Teheran über Bagdad bis nach Beirut ist unterbrochen. Und die Russen waren zu schwach, um für Assad helfend einzugreifen. Die Türkei hat nun diesen Raum besetzt und ist heute die unbestrittene sunnitische Vormacht dort.

Für Präsident Erdoğan ist Syrien das Ventil für den enormen innenpolitischen Druck. Die ersten Rückführungsprogramme für syrische Flüchtlinge laufen. Gelingt die Stabilisierung, kann die AKP-Regierung das gwaltige Flüchtlingsproblem lösen, das sie bei den Wahlen 2023 fast die Macht gekostet hätte.

Doch während in Damaskus gefeiert wird, herrscht in Ankara Katerstimmung

Die seit Tagen in Teheran und anderen Zentren der Türkei anwachsenden Proteste und die ausufernde Gewalt des Mullah-Regimes, begleitet von Drohgebärden aus Washington – das alles beunruhigt Erdoğan.

Dabei kann man nicht sagen, dass Teheran und Ankara befreundet sind. Doch in der Türkei wächst die Angst vor einer zunehmend unkontrollierbaren Situation, wenn nach einem Sturz der Mullahs im Iran das totale Chaos ausbricht.

Nichts fürchtet der türkische Staat mehr als ein solches Machtvakuum, das dann auch noch kurdische Separatisten nutzen könnten. Ein Kollaps Teherans würde den Millionen Kurden im Iran (Rojhelat) viel Raum für Autonomie verschaffen. Und dann könnte es eine Kettenreaktion geben, denn wenn die Kurden im Irak, Syrien und dann im Iran ihre Gebiete konsolidieren, wird der Druck auf die kurdischen Gebiete in der Südosttürkei für Erdoğan unerträglich. Die territoriale Integrität des Iran ist für die Türkei untrennbar mit der eigenen Sicherheit verbunden.

Die Türkei hat in den vergangenen Jahren zudem Millionen Syrer und Afghanen aufgenommen

Ein Bürgerkrieg im Iran würde vermutlich weitere Millionen Flüchtlinge auf den Weg bringen. Die türkisch-iranische Grenze verläuft durch unwegsames Gebirge, und trotz der massiven Mauer wäre ein Ansturm verzweifelter Iraner kaum aufzuhalten.

Letztlich gibt es den geopolitischen Aspekt

Ankara beobachtet mit Unbehagen, wie die USA und Israel den Umsturz im Iran vorantreiben. Der türkische Außenminister Hakan Fidan beschuldigt öffentlich den israelischen Geheimdienst Mossad (zuletzt im Dezember), die Proteste in Teheran gezielt anzuheizen, um das Land zu destabilisieren.  Ein pro-westliches oder gar instabiles Regime im Iran würde die machtpolitische Balance in der Region erneut verschieben – diesmal jedoch so, dass Israel und die USA die Bedingungen diktieren können. Die Türkei möchte zwar einen schwachen Iran, aber keinen zerstörten Iran, der zum Aufmarschgebiet westlicher Interessen wird.

 


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Klaus Kelle, Chefredakteur