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Kein liberaler Pazifist, sondern ein russischr Patriot

Warum General a. D. Iwaschow immer noch gesund und munter ist

RED
Ex-General Leonid Iwaschow in einem Putin-kritischen Video

MOSKAU – Während in Russland bereits harmlose Kritik von Privatpersonen an der „militärischen Spezialoperation“ in der Ukraine zu langjährigen Haftstrafen führt, spricht ein Mann in Moskau so offen wie kein anderer: Leonid Iwaschow. Der 82-jährige Generaloberst a. D. ist kein liberaler Dissident, sondern ein Urgestein des russischen Militärapparats. Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb das Putin-Regime in bisher verschont hat.

Seine jüngsten Angriffe auf Wladimir Putin zum Jahresbeginn markieren allerdings einen neuen Höhepunkt in dem Konflikt zwischen Kreml und konservativen Militärkreisen.

Wer ist Leonid Iwaschow?

Leonid Grigorjewitsch Iwaschow ist eine lebende Legende der russischen Geopolitik. In den 90er Jahren leitete er die Abteilung für internationale militärische Zusammenarbeit im Verteidigungsministerium. Er galt stets als Hardliner und scharfer Kritiker der NATO-Osterweiterung. Als Präsident der „Akademie für Geopolitische Probleme“ und Vorsitzender der „Allrussischen Offiziersversammlung“ repräsentiert er den Teil des Sicherheitsapparats, der Russland als autarke Großmacht sieht.

Sein Bruch mit Putin erfolgte nicht aus einer pro-westlichen Gesinnung, sondern aus tiefer Sorge um das Überleben der russischen Staatlichkeit. Bereits im Januar 2022, Wochen vor dem Einmarsch in die Ukraine, veröffentlichte er einen Appell, in dem er vor einem „unnötigen Krieg“ warnte, der Russland in eine historische Sackgasse führen würde.

Im Dezember erst hat Iwaschow seine Rhetorik massiv verschärft

In Videointerviews und auf Plattformen wie Telegran kritisiert er nicht mehr nur die militärische Strategie, sondern greift auch erstmals die Person Putin direkt an. Ein bekanntermaßen gefährliches Vorgehen.

Iwaschow wirft Putin vor, sich in einer „Informationsblase“ zu befinden. Er behauptet, der Präsident lebe in einer Traumwelt, in der Russland siege, während in der Realität die technologische Basis des Landes (insbesondere die Zivil- und Raumfahrt) kollabiere. Nach dem Sturz von Baschar al-Assad in Syrien zog Iwaschow Parallelen. Er warnte die russische Führung, dass auch ein scheinbar stabiles System innerhalb weniger Tage in sich zusammenbrechen kann, wenn die Führung den Kontakt zum Volk und zur Realität verliert.

Für Iwaschow ist der Krieg Russlands gegen die Ukraine ein – so wörtlich – „extrem dummes Ereignis“ und ein „Verbrechen“, das die slawische Bruderschaft auf Jahrhunderte zerstört habe.

Freunde des Generals fragen sich zunehmen, woher der Mann seinen Mut nimmt, denn öffentliche Kritik an Putin ist oft lebensgefährlich in Russland, bisweilen auch anderswo.

Vermutlich betrachten die Sicherheitskräfte (Silowiki) den hochdekorierten Mann nicht als einen  „Verräter“ oder „Agent des Westens“. Er ist im Grunde einer von ihnen. Eine Verhaftung würde wohl echte Schockwellen durch das Militär und die Geheimdienste senden. In einer Zeit, in der Putin auf die absolute Loyalität der Armee angewiesen ist, wäre ein Prozess gegen eine Identifikationsfigur wie Iwaschow ein zu hohes Risiko. Hinzu kommt, dass viele Vorhersagen, die Iwaschow schon 2022 wagte – die internationale Isolation, die Stagnation der Front und die wirtschaftlichen Sanktionen – eingetreten sind. In den unteren und mittleren Rängen der Offiziere wird er deshalb als jemand wahrgenommen, der die Wahrheit ausspricht, die sich aktive Generäle aus Angst vor dem Kreml nicht trauen zu sagen.

Manche halten sogar für möglich, dass der Kreml Iwaschow als eine Art Ventil für den Unmut innerhalb der national-konservativen Elite benutzt. Solange seine Kritik über Nischenkanäle wie die „Offiziersversammlung“ verbreitet wird und er keine Massenproteste auf der Straße anführt, gilt er dem Kreml danach als kontrollierbares Risiko. Man lässt ihn reden, um zu signalisieren, dass innerhalb der „patriotischen Kreise“ noch immer ein Diskursraum existiert.

Dennoch lebt Leonid Iwaschow gefährlich, auch wenn ihn sein Status als „Patriot der alten Schule“ bisher noch schützt. Auf jeden Fall ist er ein lebender Beweis, dass die Risse in der russischen Elite tiefer sind, als man offiziell suggeriert. Und es macht das Russland sichtbar, das den Krieg gegen die Ukraine nicht aus pazifistischen Gründen ablehnt, sondern aus der Angst vor dem Untergang des eigenen Staates.


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Klaus Kelle, Chefredakteur