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Wenn komplett manipulierte Menschen aufgeregt davor warnen, dass wir alle manipuliert werden

KLAUS KELLE

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

Sie können sich nicht vorstellen, wie viele einst glühende Unterstützer meiner Arbeit sich nicht nur abwenden, sondern mich in sozialen Medien geradezu hasserfüllt ankreischen, nur weil ich etwas schreibe, das ihnen nicht gefällt.

Ich mache dennoch weiter, weil ich nichts schreibe, von dem ich nicht überzeugt bin, dass es der Wahrheit entspricht. Ohne jeden Zweifel.

Ich betreibe mehrere Gruppen auf Facebook, ein privates Profil, eine TheGermanZ-Seite, dann „Denken Erwünscht“ und eine offene Kelle-Seite, der man mit einem einfachen Like dauerhaft folgen kann.

Da ging es gestern wieder mächtig rund

Denn ich habe die Lage in Ungarn zwölf Tage vor den Parlamentswahlen geschildert. Übrigens gar nichts Sensationelles oder Exklusives, sondern einfach nur, was alle seriösen Medien in diesen Tagen zu dem Thema schreiben.

Offenbar hat die Korruption in Ungarn in den vergangenen Jahren unter Viktor Orbán spürbar zugenommen. Und der Außenminister Ungarns ist ein Verräter, der das Geschäft Putins innerhalb der EU betreibt und seine europäischen Partner vermutlich für einen Judaslohn verscherbelt hat, vielleicht aber auch nur, weil er … ja, eben ein Verräter ist.

Das alles ist für uns, auch für mich, mehr als unerfreulich, denn über Jahre war ich ein richtiger Orbán-Fan.

Der Mann traut sich, gegen Brüssel aufzubegehren, ließ die gefährliche Massenmigration in seinem Land nicht zu und hielt die traditionelle Ehe eines Mannes mit einer Frau hoch. Als er vor vier Jahren mit absoluter Mehrheit im Amt bestätigt wurde, war ich in Budapest auf einer seiner Wahlpartys mittendrin, und ich darf Ihnen versichern, wir haben damals eine Menge Bier auf Viktor Orbáns Wohl getrunken.

Doch nun läuft es gar nicht gut für ihn

Das hängt mit inneren und äußeren Faktoren zusammen. Die Abwertung der Landeswährung (Forint), aber auch die Ineffizienz der Produzenten führten dazu, dass die Lebensmittelpreise in Ungarn teils deutlich über dem EU-Durchschnitt stiegen. Das BIP lag im vergangenen Jahr nur knapp über 0,3 Prozent. Und dann sind da auch noch die Milliarden an EU-Fördergeldern, die Brüssel Ungarn vorenthält, weil sich Orbán bei der Korruptionsbekämpfung und der – sagen wir – kreativen Gestaltung des Justizsystems zu viel rausnimmt.

Das alles sind nachvollziehbare Gründe dafür, warum der Wahlsonntag am 12. April dieses Mal spannend zu werden verspricht.

Doch wie reagiert die rechte deutsche Blase? Genau! Mit Wegdenken …

Einfach die Fakten wegdenken, das ist seit Jahren in Deutschland zu einer Art Nationalsport in manchen Kreisen geworden. Sie weisen darauf hin, dass Landesverrat auch in Ungarn nicht erlaubt ist und dass die Wirtschaft holpert – und sofort kommt das Echo: Ursula in Brüssel ist an allem schuld, und Peter Magyar mit seiner Tisza-Partei sind nur „Marionetten“ und die EU habe die Wahlfälschung sowieso schon organisiert. Fehlen nur noch CIA, Soros und die Bilderberger, dann ist das kleine dumme Weltbild wieder im Lot.

Es gibt Menschen, die glauben nur noch, was in ihr eigenes Weltbild passt.

Und wenn Sie davon irgendwann Hunderttausende haben, dann ist das eine demokratiefeindliche Entwicklung. Und man macht sich manchmal auch ernsthaft Sorgen um den Gesundheitszustand solcher Leute.

Ich erinnere mich noch an eine Frau, die ich auch persönlich mal kennengelernt hatte und die zu Corona-Zeiten nahezu hyperventilierte. Vielleicht erinnern Sie sich noch, da gab es damals eine große Demonstration im Berliner Tiergarten gegen die „Maßnahmen“ der Bundesregierung zur radikalen Einschränkung des öffentlichen Lebens in Deutschland.

Die Polizei schätzte die Zahl der Teilnehmer damals offiziell auf 18.000. Ich hatte natürlich keinen Hubschrauber, um von oben mal durchzuzählen, aber mir kam die Zahl damals schon etwas niedrig gerechnet vor. Da ich als Stadionbesucher aber ein bisschen Vergleichsmaterial habe und die Arena meines Herzens-Vereins 26.500 Plätze fasst, schätzte ich damals in Berlin die Demo auf knapp 30.000 Menschen. Das ist ja eine Menge mutiger Leute. Aber dann schrieb diese Frau, von der ich eben erzählte, unter Bezug auf einen Link zu irgendeiner Internetseite, von der ich noch nie zuvor etwas gehört hatte, in Berlin seien eine Million Demonstranten auf den Straßen gewesen, aber das „System“ und die „Mainstream-Medien“ wollten das alles vor uns verschweigen. Kannste nix machen, oder?

Ich war in meiner ersten Berliner Zeit mal bei einer „Loveparade“ mit fast einer Million Teilnehmern – kein Vergleich mit dieser Corona-Demo. Aber meine Bekannte schrieb dann auf Facebook, sie werde ab sofort jeden rausschmeißen, der auch nur Zweifel an der Teilnehmerzahl von einer Million im Tiergarten bei Corona äußert.

Man will die Wahrheit gar nicht wissen

Man will nichts hören, das der eigenen Weltsicht widerspricht, selbst wenn es wahr ist.

In meiner offenen Facebook-Gruppe ploppen jeden Tag mindestens ein halbes Dutzend Portale auf, die Namen tragen, von denen ich noch nie gehört habe, die aber angeblich 50.000 „Abonnenten“ haben – und die genau wissen, was Merz verdient, was Trump gerade frühstückt oder wie viel Geld Selenskyj verschiebt. Sie wissen das anscheinend alles ganz genau. Und ihre Follower verteidigen diese Weltsicht dann bis aufs Blut, auch wenn die kompletter Schwachsinn ist.

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Ich habe das früher nicht für möglich gehalten, dass zwei Drittel der Menschen auch heute praktisch auf Knopfdruck zu programmieren und in Marsch zu setzen sind.

Inzwischen muss ich schon immer lachen, wenn ich irgendwo neue „Enthüllungen“ über den ukrainischen Präsidenten lese. Da wird so ein Bullshit verbreitet, aber ein Teil des Publikums glaubt alles, weil Selenskyj irgendwie der Feind ist, der es wagt, sich dem Massenmörder in Moskau nicht unterwerfen zu wollen. Selenskyj kauft ein Spielcasino, Selenskyj kauft das Kehlsteinhaus in Berchtesgaden, Selenskyjs Frau kauft Seidenwäsche in London – alles mit deutschem Steuergeld natürlich. Aber das Heer der Programmierten marschiert unbeirrt weiter.

Gestern gab es noch ein Thema, das mich wirklich wütend macht

Anlässlich des Jahrestages des Massakers von Butscha wird das Netz – sicherlich nicht aus Zufall – mit unendlichen Postings geflutet, in denen echte oder Fake-Menschen behaupten, das Massaker habe es gar nicht gegeben.
Im Frühjahr 2022, als die Russen nach nur fünf Wochen aus dem Vorort der ukrainischen Hauptstadt vertrieben wurden, zogen die abziehenden russischen Besatzer durch Butscha und schossen wahllos auf Zivilisten. Vielleicht hat der eine oder andere von Ihnen noch das Video im Hinterkopf, wo ein russischer Soldat einen harmlos vorbeifahrenden Mann einfach wie eine Tontaube vom Fahrradsattel schießt.

Ende März 2022 fand man in den Straßen und Hinterhöfen rund 450 Leichen von getöteten Zivilisten. Dokumentiert wurden Hinrichtungen (teils mit auf dem Rücken gefesselten Händen), Folter, Vergewaltigungen und eben auch willkürlicher Beschuss von flüchtenden Zivilisten.

Internationale Organisationen wie „Human Rights Watch“ und Medien wie die „New York Times“ und die Deutsche Welle waren unmittelbar danach in Butscha vor Ort, führten Interviews mit Augenzeugen und überlebenden Opfern. Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) und die Vereinten Nationen leiteten Untersuchungen wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein. Es gibt nicht den geringsten Zweifel daran, dass in Butscha schwere Kriegsverbrechen durch russische Soldaten begangen wurden. Doch was passiert?

Der Kreml veröffentlicht ein Statement, man habe mit all dem nichts zu tun, das müsse alles wohl eine „Inszenierung“ oder „Provokation“ der Ukraine sein.

Und, nicht zu fassen: Gestern werde ich in den Netzwerken wieder beschimpft, Butscha habe gar nicht stattgefunden, wie ich als „sogenannter Journalist“ das nicht wissen könne. Na klar, kann ja auch gar nicht sein, Russland ist ja unser Freund und die haben doch so billiges Erdgas. Butscha, das habe gar nicht stattgefunden…

Wenn solche Diskussionen in einer Irrenanstalt stattfänden – okay. Aber unter ganz normalen Bürgern? Es ist nicht zu fassen, wie leicht sich ein Teil des deutschen Publikums heute manipulieren lässt, die gleichzeitig aber jeden Tag davor warnen, dass wir alle manipuliert werden…

Hoffentlich ist bald Wochenende!

Ihr Klaus Kelle

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Klaus Kelle, Chefredakteur