Nach der Pleite der ELF
Zeitenwende im Football: Nach der gescheiterten „Europe Leaugue“ – wird es ab Mai zwei Profiligen hier geben?
Das Football Team der Hauptstadt: Berlin Thunder
Der europäische American Football erlebt derzeit dramatische Veränderungen. Was 2021 als Vision einer geeinten Profiliga begann, endete erst mal vor dem Insolvenzgericht. Doch während die alte European League of Football (ELF) zerbricht, formiert sich mit der American Football League Europe (AFLE) ein ganz neues Kraftzentrum, das aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat.
American Football wird in Deutschland immer populärer
Der uramerikanische Sport hat mit Hilfe der NFL in den USA mehrfach versucht, dauerhaft Boden auf dem alten Kontinent zu gewinnen. Und es gibt seit Jahren einen „Unterbau“ mit der German Football League (GFL) und vielen regionalen Ligen, also Amateursport aus Freude an der Sache, am Sport, an Hot Dogs und dem amerikanischen Lifestyle. Erst jüngst fanden wieder überall Partys in Deutschland statt, als in Kalifornien im Super Bowl die Seattle Seahawks mit 29:13 gegen die New England Patriots gewannen. Mehr als zwei Millionen Zuschauer verfolgten das Endgame hierzulande im Fernsehen; bei der jungen Zielgruppe (14–49 Jahre) verzeichnete RTL einen Marktanteil von 60 Prozent.
American Football ist populär bei den jungen Leuten
Sowas hat Zukunft. Nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa. Und so startete die ELF 2021 mit der Hoffnung, die gigantische Erfolgsstory der NFL in Europa fortschreiben zu können. Professionalisierung, das war das Zauberwort, das private und mittelständische Investoren in Deutschland und Europa dieses Mal schnell aufspringen ließ. Denn zu lange war der Sport auch in Deutschland von verfilzten und amateurhaften Strukturen durchzogen gewesen.
Doch schnell wurde auch beim neuen Anlauf klar: Hinter den Kulissen bröckelte das Fundament schneller, als der ehemalige ProSieben-Chef Zeljko Karajica neue Versprechungen aus dem Hut zaubern konnte. Irgendwann konnte dann auch der große Name für die sportliche Kompetenz, der heutige RTL-Football-Kommentator Patrick „Coach“ Esume, die unternehmerischen Fehler nicht mehr kleinreden.
Der wesentliche Grund für den Vertrauensverlust dürfte dabei die mangelnde Transparenz in der European League of Football (ELF) gewesen sein. Während die Liga schnell auf 16 Teams („Franchises“) expandierte, blieb der wirtschaftliche Erfolg bei den meisten aus. Im Sommer 2025 erreichten 42 Vollstreckungsverfahren die Liga selbst und einzelne Standorte – massive Liquiditätsprobleme. Das Sportimperium von Zeljko und seinem Bruder Tomislav Karajica, mit Stadien, Fußball- und auch Basketballvereinen sowie Beteiligungen an MMA-Formaten, geriet gehörig ins Wanken. Nicht zuletzt, als ein ehemaliger wirtschaftlicher Gönner und Sponsor der kroatischen Brüder seine Interessen gerichtlich durchsetzen konnte und Tomislav in der Folge nicht nur die großen Pläne eines Restaurants auf dem Hamburger Fernsehturm mit Sternekoch beerdigen musste, sondern gleich auch Privatinsolvenz anmeldete. Da war auch dem letzten Team-Gesellschafter klar, dass hier etwas gehörig in Schieflage geraten war.
Zuschauerschwund und sportliche Konkurrenzfähigkeit
Zwar feierte die ELF 2024 noch einen Rekord von über 42.000 Zuschauern beim Finale in Gelsenkirchen, doch im Liga-Alltag 2025 stagnierte das Interesse gehörig. Zu viele einseitige Spiele („Blowouts“) machten den Live-Sport unattraktiv. Das spürte auch Liga-Primus Rhein Fire, der noch im Jahr 2024 einen Zuschauerschnitt von über 12.000 Fans im Stadion begrüßen konnte. Das Sonderspiel in der Düsseldorfer Merkur Spiel-Arena ausgeklammert, schaffte es dann erst wieder das letzte Spiel der regulären Saison über die 10.000er-Marke. Enttäuschung herrschte nicht nur in den Stadien; auch die Zuschauerzahlen am TV kamen mangels attraktiver Duelle nicht mehr an die Spitzenzeiten von 2023 heran.
Der Esume-Rücktritt als Wendepunkt
Im Juli 2025 verließ dann Commissioner Patrick Esume, als sportlicher Leiter und Gesicht der Liga, die ELF aufgrund unüberbrückbarer Differenzen mit der Geschäftsführung. Das löste direkt eine Kettenreaktion aus: 11 Teams kündigten im September 2025 ihren Austritt an. War man gegen den gemeinsamen „Widersacher“ Karajica anfangs noch geeint, stellte sich bei der Frage, wie eine neue Liga erfolgreicher werden könne als die Vorgänger-Konstellation, schnell heraus, dass aus den Verbündeten zwei Lager entstanden. Beide überzeugt, das bessere Zukunftskonzept für American Football in Europa zu haben.
Während namhafte Teams wie Frankfurt Galaxy, Paris Musketeers, Tirol Raiders oder Nordic Storm versuchen, Organisation und Finanzen eines Ligabetriebs aus eigenen Mitteln zu stemmen, setzen die europäischen Top-Teams wie die Vienna Vikings, Berlin Thunder oder Rhein Fire zusammen mit Newcomer-Franchises auf ein Konzept mit einem starken Liga-Geldgeber und einem zentralisierten Büro, das die Neutralität der Team-Interessen mit entsprechender wirtschaftlicher Stärke vertreten soll.
Welches Konzept sich letztendlich durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Entsprechenden Recherchen zufolge laufen die Planungen bei den Teams um die Vienna Vikings unter dem Liganamen AFLE durch das Liga-Büro operativ bereits auf Hochtouren; ein Spielplan soll in den kommenden Tagen veröffentlicht werden. Mit einem US-amerikanischen Großinvestor wurde bereits eine zweistellige Millionensumme für den Betrieb der Liga eingesammelt und somit der sichere Fortbestand der AFLE über Jahre zementiert. Doch anders als beim alten ELF-Konstrukt ist der neue Liga-Gesellschafter weder unmittelbar noch mittelbar an den Tätigkeiten des operativen Betriebs beteiligt.
Die Teams des anderen Lagers – genannt EFA – haben bisher noch keine konkreten Pläne für die Zukunft veröffentlicht. Die finanziellen Mittel für den Spielbetrieb ihrer Liga sollen aus eigenen Taschen der Team-Gesellschafter gestemmt werden. Inwieweit das eingebrachte Geld ausreichen wird und ob dies nicht wieder zu den Interessenkonflikten führt, die schon zum Scheitern der ELF führten, bleibt abzuwarten. Im Mai soll der Ligastart bei beiden sein.
Ende eines Experiments
Währenddessen kämpft die alte Liga ums Überleben. Am 2. Februar beantragte die ELF ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Aufgrund der bereits dokumentierten Schulden und mangels Teams mit belastbarem Liga-Vertrag dürfte das wenig Aussicht auf Erfolg haben. Und die Existenzprognose ist düster. Kaum vorstellbar, und ein Insolvenzverwalter wird sich eher mit dem Versilbern der letzten physischen Werte beschäftigen, als ein totes Pferd zu reiten. Das ambitionierte Experiment einer Profiliga namens ELF dürfte faktisch beendet sein.
Es liegt nun an den alten „Franchises“, die in den vergangenen fünf Jahren mit ihrer täglichen Arbeit an den Teams, Spielern und Fans das Fundament des Experiments American Football in Europa bildeten. Die Schwächen und Negativschlagzeilen der vergangenen Monate waren weniger das Versagen dieser Leute als vielmehr das Aufdecken der Schwächen des Systems von Zeljko Karajica.
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Klaus Kelle, Chefredakteur