Warum sitzt Maduro in einer Zelle und Putin nicht?
Weckruf aus Davos: Selenskyj ohne Samthandschuhe – Europa muss zur Weltmacht werden
Appelliert an die Europäer: Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj
Der Auftritt des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am Abschlusstag des Weltwirtschaftsforums in Davos wird in Erinnerung bleiben und politisch nachhallen.
Es war alles andere als ein gewöhnlicher oder erwartbarer Auftritt eines Staatsmannes, der üblicherweise bei jeder Gelegenheit um Unterstützung werben muss, um seinem Land das Überleben zu garantieren. Doch statt erneut um Hilfe zu bitten, geriet Selenskyjs Auftritt zu einer beeindruckenden moralischen und geopolitischen Anklage.
Als der ukrainische Präsident das Podium in Davos betrat, war die Luft im Raum spürbar aufgeladen. In einer Rede, die in die Geschichte eingehen dürfte, hielt er den europäischen Partnern den Spiegel ihrer eigenen Unentschlossenheit vor. Seine Botschaft: Europa droht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken und seine Freiheit zu verlieren, weil es keinen Mut hat.
Selenskyj warf den europäischen Regierungen vor, über Jahre hinweg durch „taktisches Abwarten“ strategische Katastrophen provoziert zu haben. Besonders scharf kritisierte er die Haltung des europäischen Westens gegenüber dem Iran. Während das Regime in Teheran seine Unterdrückungsmaschinerie ausbaute und zum globalen Unruhestifter avancierte, hätten die Europäer wertvolle Zeit mit halbherzigen diplomatischen Gesten verstreichen lassen, anstatt entschlossen für die Freiheit einzutreten.
Diesen „Virus des Zögerns“ sieht Selenskyj auch als Ursache für die heutige Bedrohungslage an der Ostflanke der NATO. Mit bebender Stimme verwies er auf die Situation in Belarus und erinnerte das Plenum an das Jahr 2020, als nach der offensichtlich gefälschten Wahl von Alexander Lukaschenko Hunderttausende für Demokratie auf die Straße gingen. „Europa hat tatenlos zugeschaut“, rief Selenskyj den Staats- und Regierungschefs zu. Die Konsequenz dieser Passivität sei heute für jeden sichtbar: Belarus ist faktisch eine russische Militärbasis, von der aus Raketen auf ukrainische Städte abgefeuert würden und die alle europäischen Hauptstädte bedrohten.
Der Vergleich der Ungerechtigkeit zwischen Putin und Maduro
Der Mann aus Kiew griff die amerikanische Kommandoaktion auf, mit der Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro in seinem Haus in Caracas festgenommen wurde und sich nun in den USA vor Gericht verantworten muss.
„Warum sitzt ein Maduro in einer Zelle, während der Kriegsverbrecher Putin weiterhin in seinen Palästen residiert?“, provozierte Selenskyj die versammelte westliche Führungselite im Saal. Es gebe eine „Zwei-Klassen-Justiz“ in der Weltpolitik. Bei unbedeutenderen Diktatoren zeige man Härte, aber vor der nuklearen Erpressung des Kremls knicke man ein. Diese Straffreiheit für Putin sei ein Signal an alle Autokraten der Welt, dass man mit genügend Brutalität und Atomwaffen außerhalb des Gesetzes stehe.
Europa muss Weltmacht werden oder untergehen
Der Teil seiner Rede, für den der ukrainische Präsident aber mit Standing Ovations gefeiert wurde, war sein leidenschaftlichster Appell für die Zukunft des Kontinents. Selenskyj zeichnete das Bild eines Europas, das sich in einem gefährlichen „Grönland-Modus“ befinde – passiv, abwartend und hoffend, dass die USA auch unter der Führung von Donald Trump weiterhin den Schutzschirm für alle stabil halten. Er verspottete die symbolhafte Entsendung minimaler Truppenkontingente – „Waren es 14 oder 40?“ – als „geopolitische Homöopathie“, die gegen Akteure wie Putin, den Iran oder Nordkorea völlig wirkungslos sei.
„Die Welt bewegt sich auch ohne Europa weiter“, warnte er eindringlich. Wenn der Kontinent überleben wolle, müsse er aufhören, ein „Kaleidoskop kleiner Mittelmächte“ zu sein, und stattdessen zu einer geeinten Weltmacht aufsteigen. Dies bedeute nicht nur wirtschaftliche Stärke, sondern vor allem militärische Autonomie. Die europäischen Staaten müssten massiv in die Verteidigung investieren und effektive europäische Machtstrukturen schaffen. Europa müsse in der Lage sein, seine Interessen auch ohne die Erlaubnis aus Washington zu verteidigen.
Selenskyjs Rede war ein kalkulierter Schock für die westlichen Eliten in Davos. Während man in den Lounges über KI-Trends und Dekarbonisierung plauderte, erinnerte er daran, dass die Grundlagen von Wohlstand und Freiheit durch „rohe Gewalt“ bedroht sind, die keine diplomatischen Kompromisse kennt. Er positionierte die Ukraine nicht länger nur als Bittsteller, sondern als den Teil Europas, der den Preis für die Fehler der anderen bereits an jedem Tag mit Blut bezahlt.
Selenskyj hat die diplomatischen Samthandschuhe ausgezogen. Er verlangt von Europa eine Entscheidung: Entweder der Kontinent findet zu einer neuen Einigkeit und Stärke, die ihn zum globalen Akteur macht, oder er wird zum Spielball zwischen den neuen Machtblöcken aus USA, China und der Achse der Autokraten.
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