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Guter Deutschunterricht ist der Schlüssel

Migration, die unser Land weiterbringt: Die „Ghana2Germany“-Initiative in Afrika und der Fachkräftemangel in Deutschland

Dr. Richard Böger
Deutschunterricht am St. Mary`s Technical Institut in Tamale.

Gastbeitrag von Dr. RICHARD BÖGER

Es ist seit vielen Jahren bekannt, dass aufgrund der demographischen Entwicklung der Zahl der in Deutschland lebenden Menschen im Erwerbsalter (20 – 66) im nächsten Jahrzehnt deutlich sinken wird. Ohne Zuwanderung wird der Rückgang bis 2035 insgesamt 13,2 Prozent und damit 6,2 Millionen Erwerbstätige betragen. Dies wird den schon jetzt bestehenden Fachkräftemangel verstärken und die Funktionsfähigkeit unserer Gesellschaft zerstören. Denn es werden dann nicht nur Pflegekräfte fehlen, sondern auch Elektriker, Heizungsmonteure und Bauarbeiter. Aber auch Mitarbeiter in der öffentlichen Verwaltung, Lehrer, Ingenieure und Ärzte gibt es an allen Stellen zu wenig. Es ist völlig illusorisch, davon auszugehen, dass KI diese Menschen in einem so kurzen Zeitraum alle ersetzen kann.

Deutschland ist deshalb massiv auf Zuwanderung angewiesen. Aber selbst bei einer Zuwanderung von 350.000 pro Jahr beläuft sich der Rückgang der Erwerbspersonen bis 2035 immer noch auf 3,2 Millionen. Erst ab einer jährlichen Zuwanderung von 570.000 pro Jahr bleibt die Zahl der Erwerbspersonen konstant. (Alle Zahlen entstammen der 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des statistischen Bundesamtes vom Dezember 2025). Von einer so hohen Zuwanderung sind wir weit entfernt, wobei die hohe Zuwanderung der vergangenen Jahrzehnte nicht durch Arbeitskräfteanwerbung geprägt ist, sondern durch Krisenereignisse wie die Kriege in Syrien, Afghanistan und zuletzt in der Ukraine. Dabei hat sich gezeigt, dass der Zuzug von Menschen aus Gesellschaften, die von patriarchalischer Gewalt geprägt sind und die traumatische Kriegs- und Fluchterfahrung haben, zu sehr problematischen Nebenwirkungen geführt hat.

Was wir brauchen ist also eine Zuwanderung von fleißigen, leistungsbereiten Menschen, die optimalerweise über Deutschkenntnisse schon vor ihrer Einreise verfügen.

Deshalb möchte ich hier über ein Projekt berichten, dass ich dieses Jahr im Januar bei meiner Reise nach Ghana kennenlernen durfte. Ziel der Ghana2Germany Initiative ist die Vermittlung von Absolventen öffentlicher Berufsschulen in kirchlicher Trägerschaft in Ghana in reguläre Ausbildungsplätze bei Handwerksbetrieben und Unternehmen in Deutschland. Träger dieser Initiative sind in Ghana vor allem Berufsschulen in katholischer Trägerschaft (z.B. die Salesianer Don Boscos) und in Deutschland Kreishandwerkerschaften, die Bundesagentur für Arbeit und das Bistum Münster.

In Ghana gibt es über das ganze Land verteilt ein Netzwerk von Berufsschulen (Technical Institutes/Schools) in katholischer Trägerschaft

Eine wichtige Sparte dieser Berufsschulen ist die Ausbildung zum Solartechniker, da die Stromversorgung über Solarpanels im Land als Schlüsseltechnologie gilt, um durch günstige und stabile dezentrale Stromversorgung das Wirtschaftswachstum im ganzen Land anzutreiben. Insgesamt wurden in den vergangenen vier Jahren fast 2.000 junge Menschen in den 17 Technical Institutes zum Solartechniker ausgebildet.

In 2024 konnten fünf junge Solartechniker Absolventen des Don Bosco Technical Institut in Ashaiman, die gleichzeitig einen Deutschkurs absolviert und ihre A1-Sprachprüfung absolviert hatten, in Bochum ein Praktikum in verschiedenen Betrieben absolvieren. Ziel des Praktikums war es, sich gegenseitig kennenzulernen und den jungen Menschen aus Ghana zu zeigen, was Leben und Arbeiten in Deutschland bedeutet. Die jungen Ghanaer überzeugten die Betriebe in Deutschland komplett. Alle fünf erhielten ein Angebot für einen Ausbildungsplatz in Deutschland. Ein Ausbildungsleiter sagte: „So wünsche ich mir deutsche Azubis: Freundlich! Hilfsbereit! Leistungs- und Lernbereit“.

Einer von ihnen ist Peter Kofi Korang. Er war zunächst im Don Bosco Boys Home in Sunyani.

Das ist eine Einrichtung für Straßenkinder ohne Zukunft, die dort aufgenommen werden, wohnen und essen und in der benachbarten Berufsschule eine Ausbildung beginnen. Peter hat dort seine Elektriker-Ausbildung gemacht, zusätzlich dort Deutsch gelernt, und aufbauend darauf die Solar-Ausbildung bei Don Bosco in Ashaiman. 2024 hat er dann bei der Firma Aldo Gebäudetechnik GmbH in Bochum ein Praktikum absolviert, wo er im August 2025 seine Ausbildung zum Elektriker begann.

Als wir im Januar in Ghana waren, konnten wir ihn deshalb natürlich nicht treffen. Aber Martin Wilde, Organisator des gesamten Projektes und Mitarbeiter der Jakob Christian Adam Stiftung, hat ihn während unseres Besuches im Don Bosco Boys Home per Videocall dazu geschaltet. So konnte er seinen früheren Mitbewohnern live berichten, wie es ihm in Deutschland geht und sie motivieren, ebenso fleißig zu sein und zielstrebig an ihrem beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg zu arbeiten.

Das Projekt wurde 2025 fortgeführt. Zehn junge Solartechnikerabsolventen des Don Bosco Technical Institutes in Ashaiman mit Deutschkenntnissen absolvierten ihre Praktika in Bochum, Lemgo und dem Münsterland. Neun davon erhielten ein Angebot für einen Ausbildungsplatz. Die Betriebe zahlen den weiteren Sprachkurs in Deutschland, damit sie sich ab dem 1. August 2026 voll auf die Ausbildung zum Elektriker konzentrieren können.

An vier Berufsschulen in Ghana in katholischer Trägerschaft gibt es inzwischen ergänzenden Deutschunterricht, der von dem deutschen Ministerium für internationale Zusammenarbeit und Entwicklung bezahlt wird. Dort lernen inzwischen 60 BerufschülerInnen in zwölf verschiedenen Fachrichtungen seit dem 1. Juni 2025 Deutsch. Wenn sie den Deutschkurs erfolgreich abschließen, verfügen sie über die Voraussetzung, regulär nach Deutschland zu kommen und eine Berufsausbildung zu beginnen.

Ich durfte in Ghana erfahren, wie motiviert diese jungen Menschen sind, wenn es die Möglichkeit gibt, im Leben weiter zu kommen.

Deutsch ist eine verdammt schwere Sprache. Wer die erfolgreich neben einer schulischen Berufsausbildung absolviert, wird höchstwahrscheinlich auch in Deutschland seine Ausbildung erfolgreich beenden. Solche Menschen braucht Deutschland, um den Fachkräftemangel zu lindern.

So erfolgreich dieses Projekt Ghana2Germany ist, in den hier beschriebenen Dimensionen ist es angesichts der Situation bei uns weniger als ein Tropfen auf einem heißen Stein. Wir brauchen deshalb hunderte solcher Projekte in sehr vielen afrikanischen, süd- und mittelamerikanischen oder asiatischen Ländern. Deutschland sollte viel mehr Geld in qualitativ hochwertigen und digital optimal unterstützten Deutschunterricht überall auf der Welt investieren. Gleichzeitig braucht es mehr Initiativen von deutschen Unternehmen, sich Kooperationspartner in diesen Ländern zu suchen, um den Arbeitskräftebedarf auf diesem Wege zu decken. Gerade Großunternehmen hätten die Ressourcen, solche Transfers aus eigener Kraft dazustellen. Für den Mittelstand müssten die entsprechenden Kammern die Organisation übernehmen oder es werden spezialisierte Genossenschaften für diesen Zweck gegründet.

Die Zeit drängt…

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Klaus Kelle, Chefredakteur