Was bedeutet der Krieg im Nahen Osten für die Glaubwürdigkeit und Effektivität der amerikanischen Abschreckung Chinas in Asien?
Je stärker die USA in Konflikte anderer Weltregionen verwickelt sind, desto weniger Fokus liegt auf Asien und der Abschreckung Chinas. Denn auch die amerikanischen Militärreserven sind begrenzt.
Je mehr davon in einem Teil der Welt eingesetzt werden, desto weniger stehen sie anderswo zur Verfügung. Und je weniger US-Militärmacht in Asien verfügbar ist, desto geringer ist die Fähigkeit, China abzuschrecken.
Donald Trumps Krieg gegen den Iran richtet sich gegen Teherans Atom- und Raketenprogramm und ist kein Teil eines komplexen strategischen Vorgehens, um China auszumanövrieren. Dennoch wurde die amerikanische Abschreckung durch die Ereignisse und Entwicklungen der letzten Wochen gestärkt.
Krieg ist zweifellos in hohem Maße eine Frage von Waffenreserven, Nachschubketten und Logistik. Kurzfristig wird das US-Militär im Falle eines Einsatzes in Asien stark beansprucht sein.
Die Operation „Epic Fury“ war die intensivste Luftkampagne in den ersten Kriegstagen der Geschichte. Schätzungen zufolge setzten die USA in nur vier Tagen über 5.000 und in den ersten 16 Tagen über 11.000 Geschosse ein. Darunter befanden sich mehr als 300 Tomahawk-Marschflugkörper in den ersten Kriegstagen, obwohl das Pentagon für das laufende Haushaltsjahr lediglich 57 neue geplant hatte.
Noch gravierender ist die Lage bei den teuren Patriot- und THAAD-Abfangraketen (Terminal High Altitude Area Defense). Die USA setzten in den ersten Kriegstagen schätzungsweise 140 bzw. 150 dieser Abfangraketen ein. Lediglich 39 Abfangraketen sollen 2027 ausgeliefert werden. Die genauen Bestände sind ein streng gehütetes Geheimnis, doch die Trump-Regierung plant, die Produktion der Tomahawk-Raketen von 60 auf 1000 pro Jahr und die der Patriot-Abfangraketen von 600 auf 2000 zu steigern.
Nichts davon bedeutet, dass Xi Jinping sich die Hände reibt und einen schnellen und erfolgreichen Feldzug über die Taiwanstraße plant. Zunächst einmal reißt seine jüngste Säuberung hochrangiger Militärs, darunter General Zhang Youxia – der ranghöchste Offizier der Volksbefreiungsarmee und stellvertretende Vorsitzende der allmächtigen Zentralen Militärkommission –, eine kurzfristige, aber schwerwiegende Lücke in die Führungsriege derjenigen, die einen Militäreinsatz leiten würden. Dass ein Großteil der Säuberungen in der Raketenstreitmacht stattfand, jenem Teil der Volksbefreiungsarmee, der für die Führung militärischer Aktionen gegen Taiwan zuständig ist, ist ebenfalls aufschlussreich.
Darüber hinaus ist sich China, genau wie wir die tatsächliche Einsatzbereitschaft, die Fähigkeiten und die Ressourcen der Volksbefreiungsarmee nicht kennen, nicht darüber im Klaren, wie stark die US-amerikanischen Vorräte für einen Taiwan-Konflikt tatsächlich beeinträchtigt sind.
Mangels verifizierbarer Informationen lassen sich dennoch einige Antworten finden
Der Iran war nie ein echter Verbündeter, sondern ein bedeutendes strategisches Gut Chinas. Das hat sich geändert. Die iranische Macht ist stark geschwächt und wird es noch einige Zeit bleiben. Sie ist nicht mehr die gefürchtete Großmacht im Nahen Osten, die sie noch vor wenigen Wochen war.
Noch wichtiger ist, dass China bei der Überlegung einer gewaltsamen Einnahme Taiwans zunächst abwägt, ob es Truppen in Taiwan landen kann, ohne unannehmbare Verluste zu erleiden, und ob Taiwan innerhalb weniger Wochen zur Aufgabe gezwungen werden kann. Peking kennt die Antwort darauf nicht, was uns zur nächsten Schlüsselfrage führt.
Hat die USA den Mut zu einem weiteren Kampf?
Wenn ja, dann dürfte jeder Einsatz von Gewalt gegen Taiwan für alle Beteiligten, insbesondere China, eine Katastrophe bedeuten. Und ein außenpolitisches Desaster könnte die regierende Kommunistische Partei und Xi Jinping selbst existenziell bedrohen. Dies ist der eigentliche Grund für Chinas Zögern.
Entscheidend ist, dass es nicht nur um die Machtballance in Nordostasien geht, sondern auch um die Entschlossenheit der beiden Großmächte und praktisch um Trumps Nervenstärke und psychologische Bereitschaft zur Eskalation. Ich bezweifle, dass Xi Jinping der Behauptung, Trump würde immer kneifen, viel Glauben schenkt. Die Iraner tun es jedenfalls nicht.
Ist Trump eher geneigt, mit Gewalt zu reagieren als seine Vorgänger Joe Biden und Barack Obama? Ist er eher geneigt, Gewalt anzuwenden, wenn der Gegner verwundbar erscheint und er eine Chance auf einen großen strategischen Gewinn sieht? Die Antworten lauten eindeutig ja.
Die offensichtliche Einschränkung ist, dass ein Konflikt mit dem Iran nicht dasselbe ist wie ein Konflikt mit Russland (den er offenbar meidet), geschweige denn mit China. Trump bewundert ganz klar den Wagemut und die Risikobereitschaft von Benjamin Netanjahus Israel, auch wenn er bisher kein großes Interesse an der Unterstützung vorsichtigerer Verbündeter gezeigt hat – die er in Asien unbedingt gewinnen muss.
Doch alles in allem und unabhängig von den Entwicklungen im Iran wird Xi mit dem Zustand der Welt unzufriedener sein als noch vor Kurzem. Das schreckt ihn definitiv ab.
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