Alina, Masha, Guzel, Kira: Warum waren so viele russische Frauen in Epsteins Spinnennetz?
Sogenannte Investigativjournalisten auf der ganzen Welt investieren gerade sehr viel Zeit damit, die frisch veröffentlichten Epstein-Akten zu durchforsten, zu „scannen“ auf all das, was da zweifellos noch kommen wird. Unsere Leser erinnern sich vielleicht an meine Vorhersage, dass wir erst ganz am Anfang stehen, um das komplete Ausmaß des Epstein-Komplexes zu begreifen. Der Begriff „Investigativjournalist“ gefällt mir dabei übrigens überhaupt nicht. Jeder Journalist, der seinen Beruf ernst nimmt, ist ein Investigativjournalist, weil er hartnäckig und neugierig ist. Wer nicht bereit ist, investigativ zu arbeiten, ist auch kein Journalist, sondern allenfalls ein Schreiber …
Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) erzählt uns heute die Geschichte einer jungen Frau, die im Netzwerk des Kinderschänders Epstein ein wichtiges Bindeglied in die Schweiz gewesen ist. Diese Frau benutzt das Pseudonym „Alina Selnowa“ und lebt angeblich jetzt in Miami/USA. Die Frau stammt aus sehr ärmlichen Verhältnissen in der russischen Provinz. Ihr genauer Geburtsort wird in ihren offiziellen Lebensläufen nicht genannt, aber viele Details deuten darauf hin, dass sie aus der zentralrussischen Region um die Städte Samara oder Saratow stammt.
In dieser Gegend, die von wirtschaftlicher Not und teils menschenunwürdigen Lebensverhältnissen geprägt war, wuchs „Alina“ ohne Vater auf.
Irgendein Sportfunktionär entdeckte das kleine Mädchen und steckte sie ins russische Sportsystem, um ihr Talent als Snowboardfahrerin zu einer Leistungssportlerin zu entwickeln – für junge Menschen aus diesem Teil der Russischen Föderation oft die einzige Chance, da rauszukommen. Und tatsächlich gelang der damals 16-Jährigen der Sprung ins russische Olympiateam 2006 für Turin.
Für eine Medaille reichte es allerdings nicht
Aus den Akten geht hervor, dass das der Wendepunkt in ihrem Leben gewesen sein könnte, an dem sie erkannte, dass die große sportliche Karriere nicht den sozialen Aufstieg bringen würde, den sie unbedingt wollte. Die Epstein-Akten dokumentieren aber, dass ihre Olympia-Teilnahme seinen „Talentsuchern“ auffiel.
In ihren Tagebüchern und späteren E-Mails wird ein beängstigender Ehrgeiz des Mädchens deutlich. Sie träumte von Abschlüssen an Elite-Universitäten wie Berkeley und der Sorbonne, von einer Karriere bei den mächtigsten Banken der Welt und sogar vom Posten der UN-Generalsekretärin. Die NZZ-Kollegen stießen in den Gerichtsakten zu Epstein auf eine Biografie, die auf uns wie ein Spionageroman aus dem Kalten Krieg wirkt.
Jeffrey Epstein, durch seine Talentscouts aufmerksam gemacht, suchte bei den Olympischen Spielen 2006 in Turin dann direkt den Kontakt zu Alina. Der schwerreiche Mann, der sich gern als Philanthrop und Förderer junger Wunderkinder ausgab, bot ihr genau das an, was Selnowa fehlte: Geld und einen Zugang zur westlichen Elite. Fortan finanzierte er ihre Studienaufenthalte und nutzte ihre Sehnsucht nach einer Vaterfigur wohl auch aus, um eine psychologische Abhängigkeit zu schaffen.
Selnowa soll eine hochintelligente Frau sein, die von Epstein ihre Ausbildung an renommierten Universitäten wie der UC Berkeley und der Sorbonne bezahlt bekam. Dazu finanzierte er ihr auch zeitweise den Lebensunterhalt. Immer wieder schrieb er für sie Empfehlungsschreiben bei Banken und einflussreichen Personen, um ihre weitere Karriere zu fördern.
Den Akten zufolge soll sie damals auch Kontakt zu jungen russischen Frauen für ihn hergestellt haben. In Mails an ihren Mentor wurde sie zunehmend selbstbewusster und kokettierte zum Beispiel damit, dass sie so etwas wie „deine Ghislaine“ sei. Aus der Korrespondenz ergibt sich, dass Epstein zunehmend genervt von solchen Keckheiten war und sie auch zurechtwies, dass er den Kontakt nicht aufrechterhalten könne, wenn sie so weitermache.
„Alina Selnowa“ war jedenfalls eine sehr junge Russin aus prekären Lebensverhältnissen und wuchs ohne Vater auf. Tatsächlich suchen Geheimdienste immer gern Waisen, um sie anzulernen und einzusetzen, wie wir nicht nur aus den James-Bond-Filmen wissen. War Selnowa also eine russische Geheimagentin, die entweder auf Jeffrey Epstein angesetzt oder ihm von Moskau zur Unterstützung zur Seite gestellt wurde?
Sicher ist: Selnowa entspricht dem klassischen Anforderungsprofil für spätere Einflussagenten.
Russische Dienste wie FSB oder SWR (und natürlich auch westliche) suchen gezielt nach Personen, die keine engen familiären Bindungen haben, jung und somit formbar sind. Da Selnowa bereits mit 16 Jahren international reiste, verschaffte ihr das eine perfekte Tarnung. In der Spionagegeschichte gab es immer wieder solche Beispiele, bei denen der Sport als Einstieg für spätere Operationen diente, da Athleten einen unverdächtigen Grund für Auslandsaufenthalte haben.
Die russische Spur bei Epstein hat viele weitere Stränge
Die frisch veröffentlichten Akten belegen etwa eine regelmäßige Korrespondenz zwischen Epstein und einer Masha Drokova, ehemalige Anführerin der pro-Putin-Jugendorganisation „Nashi“. Sie zog in die USA und gründete die Investmentfirma Day One Ventures im Silicon Valley. Amerikanische Geheimdienste behalten Drokova im Auge, weil sie den Verdacht haben, sie versuche westliche Technologien abzuschöpfen. In einer Mail bezeichnete sie Epstein als „wundervollen Mann“.
Und dann ist da noch Guzel Ganieva, die russische Ex-Geliebte des Milliardärs Leon Black, der wiederum ein enger Geschäftspartner Epsteins war und in den Akten eine Rolle spielt. Sie soll Erpressungsmaterial gegen US-Geschäftsleute gesammelt haben. Black behauptet heute sogar, Ganieva sei eine „FSB-Offizierin“.
Und das russische Model Kira Dikhtyar half Epstein, in Moskau Einfluss zu gewinnen. Sie begleitete Epstein und Ghislaine Maxwell mehrfach bei Reisen nach Russland.
Beweist all das eine enge Zusammenarbeit von Jeffrey Epstein mit russischen Geheimdiensten? Wurde er sogar als wichtiger Einflussagent geführt, der die westlichen Eliten infiltrieren sollte? Das geben die Erkenntnisse der Epstein-Files bisher nicht her. Wir stehen, ich wiederhole mich, erst am Anfang. Aber die signifikante Häufung russischer Kontakte im Umfeld des Mannes stützt die These, dass Epsteins Netzwerk eng mit geheimdienstlichen Strukturen zusammenhing, deren wichtiger Bestandteil ein globales „Honeytrap-Imperium“ zur Gewinnung von Erpressungsmaterial war.
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Klaus Kelle, Chefredakteur