„Komm! Ins Offene, Freund!“ – Warum genau jetzt der richtige Zeitpunkt ist, von Japan zu lernen
von MARTIN EBERTS
Japan ist bekannt als das „Land der aufgehenden Sonne“. Immer mehr Zeitgenossen in unserem Land haben den Eindruck, Deutschland sei dagegen das der untergehenden…
Denn nach langen Jahren unbekümmerter, pflichtvergessener Weltverbesserungspolitik sind hierzulande nicht nur Energiewirtschaft, Industrie und Infrastruktur notleidend; man hat auch den Eindruck, dass es sogar am Willen und an der Kompetenz zur Umkehr fehlt.
Aber: „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch…“
Das wusste schon Hölderlin. Seien wir also nicht pessimistisch und fragen wir uns: Wo wächst denn das Rettende? Dazu müssen wir uns einmal von der Krähwinkel-Perspektive selbstreferenzieller Binnenschau lösen und den Blick ein wenig weiten. Wiederum mit Hölderlin gesprochen: „Komm! Ins Offene, Freund!“
Die deutschen Klassiker werden wohl heutzutage in Japan mehr gelesen und verehrt als in Deutschland. Das liegt auch daran, dass dort die „rettenden“ Einstellungen und Haltungen noch hoch gehalten werden, die bei uns oftmals gering geschätzt werden: Verantwortungsgefühl, Sinn für höhere Werte, Absehen vom reinen Eigeninteresse und – jawohl – auch Fleiß, Anstrengung und Dienstbereitschaft.
Zurück in die Zukunft!
Ein namhafter deutscher Jura-Professor hat einmal gesagt: Wenn die Deutschen ihre ehrwürdigen Rechtstraditionen einmal endgültig vergessen haben, dann finden sie all das notwendige Wissen in Japan wieder. Dort gibt es in der Tat Rechtsexperten, die zum Beispiel die Grundlagen und die Entstehung unseres BGB besser kennen, als manch ein deutscher Anwalt oder Richter.
Aber in Japan gibt es vor allem und an erster Stelle etwas für Bildung, Wirtschaft und Energie zu lernen. Und das nicht zum ersten Mal! Als das Land in den 1980er Jahren wirtschaftlich und technologisch „durchstartete“, gab es schon einmal die Erkenntnis: das müssen wir studieren und daraus lernen! Nicht zuletzt deshalb wurde 1988 in Tokyo das „Deutsche Institut für Japanstudien“ gegründet. Man war tatsächlich bereit zu lernen. Höchste Zeit, wieder so eine Initiative zu starten!
Warum in die Ferne schweifen…?
Um etwas von Japan zu lernen, muss man aber nicht unbedingt Reisekosten verursachen. Jahrelang reisten regelmäßig Delegationen der Deutschen Bahn nach Japan, zum Erfahrungsaustausch. Über das Ergebnis muss man nichts weiter sagen… Warum haben die dort nicht gelernt, wie man eine Eisenbahn betreibt? Warum kann man nach einem japanischen Schnellzug die Uhr stellen, nach einem deutschen bestenfalls den Kalender? Weil der deutsche Michel manchmal etwas starrsinnig ist und feststellt: Das geht ja bei uns irgendwie doch nicht…
Was wir brauchen, sind nicht noch mehr teure Dienstreisen, auch nicht neue Institute und Einrichtungen, sondern, ganz einfach: Selbstkritik, Offenheit und den Mut, endlich auch mal zuzuhören.
Thema Sanierung der Infrastruktur: Die japanische Botschafterin in Berlin bot schon mehrfach in geeignetem Rahmen vertiefte Zusammenarbeit bei diesem Thema an. In Japan wurden in den letzten Jahren sensationelle, innovative Ansätze entwickelt, wie man marode Brücken, Straßen, Betonbauten mit High Tech-Mitteln viel schneller als früher und auch noch nachhaltig „rehabilitieren“ kann. Alle reden von superschnellen Großbau-Projekten in China, und machen dazu ein trauriges Gesicht. Schauen wir lieber nach Japan – das ist uns viel näher: politisch, strukturell und regulatorisch. Und ohne den Protz und die gefährliche Rücksichtslosigkeit der Volksrepublik gegenüber.
Schluss mit falschem Stolz!
Es ist ja auch kein Wunder, dass geniale Lösungen wie jene für die Infrastruktur gerade in Japan entwickelt wurden: Dort gibt es ständig schwere Erdbeben und wüste Taifune, nach deren Verheerungen regelmäßig die Infrastruktur erneuert werden muss. Aber auch beim sonstigen Bestand an Brücken, Schulen, Verwaltungsgebäuden, Industrieanlagen etc. gibt es natürlich immerzu die Notwendigkeit zu Erhaltungs- und Ertüchtigungs-Maßnahmen. Im ganzen Land Japan folgt man dabei einer stets aktuellen Prioritätenliste – statt auf den Einsturz der ersten Brücke zu warten. Seien wir nicht zu stolz, das gute Beispiel anzunehmen! Und es ist ja nur ein Beispiel von vielen!
Buy European?
Man muss sich Sorgen machen: In manchen deutschen Parteien und in der Europäischen Union scheint man zwar „den Schuss gehört“ zu haben, aber man rennt erst mal wieder in die falsche Richtung. Wenn jetzt – durch leidvolle Erfahrung mit den Vereinigten Staaten von Trump aufgeschreckt – nun die Parole „Buy European“ ausgegeben wird, dann stimmt etwas nicht in der Wahrnehmung der Realität.
Wir alle wissen, dass Europa – und darin an erster Stelle Deutschland – ein gewaltiges Potential hat. Das zu entwickeln, nach allzu langem Dornröschenschlaf, braucht aber viel Zeit. Jetzt im Trumpschen Geist auf Abschottung zu setzen, wäre so ziemlich das Dümmste, was wir machen könnten. Buy European? Nein danke!
Wann, wenn nicht jetzt sollten wir uns mit Japan zusammentun und für japanische Innovation öffnen?
Japan als enger Partner kann in dieser Situation den Ausschlag geben: Ob es gelingt Europa endlich auf eigene Beine zu stellen. Und ob Deutschland sich wieder auf seine alten Stärken besinnt! Also: reißen wir uns zusammen und legen wir los! Oder, auf Japanisch gesagt: Gambarimashô!
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