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Warum schaut die Welt einfach nur zu?

Thomas Buergenthal, das „Glückskind“ von Auschwitz warnte: Nordkoreas Straflager sind schlimmer als die KZs der Nazis

RED
Zeichnung von einem Gefangenen in einem nordkoreanischen Lager
Es gibt Lebenswege, die so unwahrscheinlich klingen, dass sie aus den Betrachter wie ein Wunder wirken. Die Geschichte von Thomas Buergenthal ist so eine. Er war einer der jüngsten Überlebenden des Holocaust, ein Mann, der die Hölle sah und erlebte und statt Bitterkeit mit Leidenschaft bis zu seinem Tod für das Recht und die Menschenwürde stritt. Dieser Weg führte ihn von den Selektionsrampen in Auschwitz bis auf den höchsten Richterstuhl der Welt in Den Haag.
Thomas Buergenthal wurde 1934 in der Tschechoslowakei geboren. Seine Kindheit war  eine nicht enden wollende Flucht vor dem Tod.
Nach Jahren im Ghetto wurde er 1944 als Zehnjähriger nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Dass er dort nicht sofort in die Gaskammern geschickt wurde, grenzte an ein Wunder. Er wurde als „arbeitsfähig“ eingestuft – ein kleiner Junge, der vorgab, älter und kräftiger zu sein, als er war. In Auschwitz erlebte er den täglichen Hunger, die allgegenwärtige Angst vor den Selektionen des Lagerarztes Josef Mengele und eine völlige Entmenschlichung der Gefangenen.
Buergenthal überstand den berüchtigten Todesmarsch nach Sachsenhausen im eisigen Winter 1945, bei dem er drei erfrorene Zehen verlor. Als das Lager befreit wurde, war er elf Jahre alt – ein Kind ohne Kindheit, aber mit einem geschärften Blick für Ungerechtigkeit.
Aufstieg zum Richter in Den Haag
Nach dem Krieg wanderte Buergenthal in die USA aus. Getrieben von dem Wunsch, dass das, was ihm widerfahren war, nie wieder geschehen dürfe, studierte er Jura, spezialisierte sich auf internationales Recht und Menschenrechte – ein Feld, das es in dieser Form vor dem Zweiten Weltkrieg kaum gab.
Seine juristische Karriere war beispiellos. Er lehrte an renommierten Universitäten und wurde schließlich im Jahr 2000 zum Richter am Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag gewählt. Dort wirkte er bis 2010. Für Buergenthal schloss sich damit ein Kreis: Das Kind, dem jeder Rechtsschutz entzogen worden war, entschied nun über die Rechtsstreitigkeiten zwischen souveränen Staaten.
Warum der Internationale Gerichtshof so wichtig ist
Der IGH ist das Hauptrechtsprechungsorgan der Vereinten Nationen (UN). Er bietet Staaten eine zivile Bühne, um Konflikte (etwa über Grenzverläufe oder Ressourcen) mit Argumenten statt mit Waffen zu lösen. Dieses Gericht definiert dabei, was unter internationalem Recht zulässig ist und was nicht. Auch wenn der Gerichtshof keine eigene Weltpolizei losschicken kann, haben seine Urteile ein hohes moralisches und diplomatisches Gewicht.
Buergenthal starb im Jahr 2023 und sein letztes großes Thema war die völlige Ausblendung jeglicher Menschenrechte im kommunistischen Norskorea.
Als Mitglied einer Expertenkommission untersuchte er das System der politischen Straflager in Nordkorea und kam zu dem erschütternden Ergebnis, dass die Bedingungen in den nordkoreanischen Lagern „so schrecklich oder sogar schlimmer“ seien als das, was er in Auschwitz erlebt hatte.
Sein Urteil basierte u. a. darauf, dass die NS-Lager etwa zwölf Jahre existierten, während das nordkoreanische System seit über 70 Jahren existiert. Wer einmal hier landet verlässt es mit großer Sicherheit niemals wieder. Kinder, die in die Lager hineingeboren werden, verbringen ihr gesamtes Leben dort, nur weil ein Großvater vielleicht irgendwo einmal eine falsche Bemerkung gemacht hat. Dies ist eine Form der lebenslangen Bestrafung für Unschuldige, die selbst Auschwitz in dieser systematischen Dauerhaftigkeit nicht kannte.

Und: Während es über die KZs immerhin ein gewisses Wissen im Ausland gab, ist Nordkorea heute ein „schwarzes Loch“, in dem Millionen Menschen ohne jede Hoffnung auf Rettung leiden.

Das Vermächtnis von Thomas Buergenthal für die Zivildesellschaft ist, dass das Recht die einzige Waffe ist, die wir gegen die Barbarei haben. Thomas Buergenthal mahnt uns, dass Wegsehen keine Option sein kann, wenn wir es mit der Würde eines jeden Menschen ernstmeinen.

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Klaus Kelle, Chefredakteur