Es beginnt oft mit einer kleinen Tablette oder einer Prise Pulver, die kaum teurer ist als ein „Coffee-to-go“. Doch was am Hauptbahnhof Hannover derzeit die Runde macht, ist kein gewöhnlicher Rausch. Es ist definitiv das Spiel mit dem Tod. Fentanyl, ein synthetisches Opioid, das bis zu 50-mal stärker ist als Heroin, breitet sich in Deutschland massiv aus.
Wer den Hauptbahnhof Hannover durch den Nordausgang verlässt, steht fast unmittelbar auf dem Raschplatz. Zwischen Betonpfeilern und gläsernen Fassaden, pulsiert das Elend. Hannover hat sich in den vergangenen zwei Jahren zu einem der massivsten Drogen-Hotspots Deutschlands entwickelt. Die Polizei spricht von einer „Crack-Welle“, doch im Schatten des aufputschenden Kokain-Derivats lauert die eigentliche Gefahr: Fentanyl.
Der Stoff wird oft als „Streckmittel“ eingesetzt. Dealer mischen das extrem günstige, synthetische Pulver unter minderwertiges Heroin, um ihre Gewinnspanne zu maximieren. Für den Konsumenten ist dies oft das Todesurteil, da Fentanyl bereits in einer Menge von zwei Milligramm – etwa die Größe eines Salzkorns – tödlich wirken kann.
Hinter den nackten Zahlen der Kriminalstatistik verbergen sich Einzelschicksale, die das Grauen am Raschplatz greifbar machen
An einem kalten Dienstagabend im November vergangenen Jahres traf es Lukas, 24 Jahre alt. Man findet sine Leiche in einer öffentlichen Toilettenanlage nahe des Hauptbahnhofs. Lukas war kein langjähriger Schwerstabhängiger, er galt in der Szene als Gelegenheitskonsument. Er hatte auf dem Schwarzmarkt vermeintliche Schmerztabletten gekauft, um nach einer stressigen Woche „runterzukommen“. Was er nicht wusste: Die Pillen waren illegale Presslinge aus einem Labor, die fast ausschließlich aus Fentanyl bestanden. Lukas schlief einfach ein – sein Atemzentrum setzte aus, noch bevor er Hilfe rufen konnte.
Wenige Wochen später trifft es Sabine, 42. Sie war seit über 15 Jahren Teil der Szene am Raschplatz, eine bekannte Figur im „Stellwerk“, dem örtlichen Konsumraum. Sabine war erfahren, sie kannte ihre Dosen. Doch das Heroin, das sie an diesem Tag kaufte, war mit Fentanyl „geboostet“. Trotz der sofortigen Verabreichung des Gegenmittels Naloxon durch Streetworker konnte ihr Herz nicht wiederbelebt werden. Sabine starb dort, wo sie Jahre verbracht hatte. Was für ein Leben…
Wie gelangt der tödliche Stoff nach Hannover?
Anders als Kokain, das aus Südamerika in Tonnen über unsere Häfen kommt, reist Fentanyl oft in unauffälligen Briefumschlägen. Bestellt im Internet, dann kommt ein leichter Brief, handschriftlich adressiert mit einem unverfänglichen Allerweltnamen. So, dass Eltern nicht misstrauisch werden, wenn Post für das eigene Kind ankommt.
Der Großteil der weltweiten Fentanyl-Produktion (oder deren Vorläuferstoffe) stammt aus Chemiefabriken in China. Dort wird der Stoff legal oder in Grauzonen produziert und über das „Darknet“ verkauft. Da Fentanyl so hochkonzentriert ist, reichen kleinste Mengen für tausende Konsumeinheiten. Dealer bestellen 10 bis 20 Gramm reines Pulver, das als „Laborchemikalie“ deklariert in einem gewöhnlichen Luftpolsterumschlag per Luftfracht nach Deutschland kommt. Der Zoll hat bei Millionen von Briefen kaum eine Chance, diese winzigen Mengen flächendeckend abzufangen.
Ein neuerer Trend sind gefälschte Medikamente aus mexikanischen Laboren. Diese werden über die USA nach Europa geschmuggelt. Sie sehen aus wie Original-Blister von bekannten Schmerzmitteln, enthalten aber die tödliche synthetische Mischung. Auch medizinische Fentanyl-Pflaster, die aus Apotheken entwendet oder über gefälschte Rezepte bezogen werden, spielen eine Rolle. Die werden ausgekocht, um den Wirkstoff zu extrahieren – eine extrem riskante Methode mit unkalkulierbaren Wirkstoffkonzentrationen.
In Hannover versucht man, dem tödlichen Trend mit Modellprojekten gegenzusteuern. Fentanyl-Schnelltests im „Stellwerk“ sollen Konsumenten warnen, bevor sie sich den „goldenen Schuss“ setzen, ohne es zu wissen. Doch solange der Stoff so billig und einfach über den Postweg verfügbar ist, bleibt der Hauptbahnhof ein Ort, an dem der Tod nur einen Millimeter entfernt ist.