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Drei Viertel aller Deutschen in Königsberg starben

Ilja Ehrenburg war der Mann, der 1945 dazu aufrief, jeden Tag mindestens einen Deutschen zu töten

RED
Eisige Kälte, Hunger und immer Angst vor der russischen Soldateska: Flüchtende Deutsche aus Ostpreussen

Als die Rote Armee im April 1945 die brennenden Ruinen von Königsberg stürmte, war die ausufernde Gewalt gegen die deutschen Stadtbewohner nicht nur ein Nebeneffekt des Krieges. Sie war Ausdruck der über die Kriegsjahre aufgestauten Wut gegen die Deutschen. Aufgestachelt wurde der Hass gegen die Deutschen durch eine beispiellose Hasspropaganda, in derem Zentrum ein Mann stand: Ilja Ehrenburg.

 

Der war ein Intellektueller, ein Weltbürger, der fließend Französisch sprach und Jahre in Paris gelebt hatte.

 

Doch nach der „Operation Barbarossa“, dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941, änderte sich seine Bestimmung. Als Chefkorrespondent der Armeezeitung Krasnaja Swesda (Roter Stern) verfasste er bis zu 300 Artikel pro Jahr. Seine Texte wurden an der Front nicht nur gelesen, sie wurden wie Befehle behandelt.

Ehrenburgs Strategie war die konsequente Entmenschlichung der Deutschen. In seinem berüchtigtsten Aufsatz „Töte!“ (Juli 1942) schrieb er: „Wir haben verstanden: Die Deutschen sind keine Menschen. Von nun an ist das Wort ‚Deutscher‘ für uns der schrecklichste Fluch. […] Wenn du nicht pro Tag wenigstens einen Deutschen getötet hast, war es ein verlorener Tag.“

 

Mit solchen Formulierungen schuf Ehrenburg das psychologische Klima für das, was sich 1945 in Ostpreußen abspielte. Als Königsberg im Januar 1945 eingeschlossen wurde, waren die sowjetischen Soldaten durch Ehrenburgs Texte darauf programmiert, nicht auf Menschen, sondern auf „Bestien“ zu treffen.

 

In Königsberg waren 1945 zehntausende deutsche Zivilisten von der Roten Armee eingekesselt. Als die Stadt am 9. April 1945 fiel, traf eine entfesselte Soldateska auf eine Bevölkerung, die durch Ehrenburgs Propaganda kollektiv für die Verbrechen der SS und Wehrmacht in Russland haftbar gemacht wurde. In den darauffolgenden Tagen kam es zu Massenvergewaltigungen, willkürlichen Erschießungen und Plünderungen. Ehrenburg hatte den Soldaten eingeredet, dass Mitleid mit Deutschen Verrat an den eigenen Opfern sei.

 

Die historische Debatte über die Figur Ehrenburg ist ambivalent

 

War er nur der „Hassprediger“, der zu Pogromen mit schlimmsten Verbrechen an Zivilisten aufrief, oder ein Chronist, der lediglich den gerechten Zorn seines geschundenen Volkes aufschrieb?

 

Sicher ist, dass Ehrenburg einer der ersten Chronisten war, der das Ausmaß des Holocaust auf sowjetischem Boden dokumentierte. Seine Wut speiste sich aus niedergebrannten russischen Dörfern und den Massengräbern jüdischer Gemeinden. Beim Schreiben machte er keinen Unterschied mehr zwischen dem SS-Täter und einer ostpreußischen Mutter, die niemandem etwas getan hatte. Ein moralischer Freibrief für die Soldaten der Roten Armee.

 

Und dann wurde Ehrenburg kurz vor Kriegsende selbst zum Opfer stalinistischer Zensur.

Im April 1945, als die Rote Armee bereits tief in Deutschland kämpfte, rügte ihn das Zentralkomitee in der Prawda. Seine These vom „ausnahmslos bösen Deutschen“ passte nicht mehr in die politische Planung für das künftige sowjetisch besetzte Deutschland. Stalin brauchte nun vorzeigbare deutsche Kommunisten, keine ausgerottete Bevölkerung.

 

Nach 1945 wandelte sich Ehrenburgs Rolle erneut. Er wurde zum „Friedenskämpfer“ erklärt und leitete mit seinem Roman „Tauwetter“ die vergleichsweise liberale Ära nach Stalin ein. Doch für die Überlebenden von Königsberg blieb er immer der Mann, der den ganzen Hass legitimiert hatte.

Während er im Westen für seinen Einsatz für die Kunstfreiheit gefeiert wurde, saßen die Vertriebenen in den Lagern und erinnerten sich an die Flugblätter mit seinen Zitaten, die den Soldaten den Weg nach Westen gewiesen hatten.

 

Aus Königsberg und Ostpreußen wurden etwa zwei Millionen Deutsche in den Westen umgesiedelt oder vertrieben. Die genauen Opferzahlen für die Stadt Königsberg allein sind schwer zu ermitteln. Schätzungen gehen heute von etwa 600.000 Toten aus. In Königsberg selbst verstarben nach der Eroberung bis 1947 etwa 75 Prozent der verbliebenen deutschen Bevölkerung an Unterernährung, Krankheiten und den Folgen der Gewalt durch die sowjetischen Soldaten.

 

Königsberg heißt seit 1947 Kaliningrad und ist eine russische Exklave, die geografisch vollständig von EU- und NATO-Mitgliedstaaten (Polen und Litauen) umschlossen und vom russischen Kernland abgeschnitten ist. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist die Region militärisch hochgerüstet und politisch stark isoliert.

Die Stadt hat heute knapp 490.000 Einwohner primär Russen und Weißrussen. In Kaliningrad hat Russland atomwaffenfähige Raketensysteme vom Typ Iskander-M und Kampfjets mit Kinschal-Hyperschallraketen stationiert, die von dort aus auch Deutschland direkt bedrohen.


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Klaus Kelle, Chefredakteur