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1500 US-„Diplomaten“ bisher betroffen

Das „Havanna Syndrom“: Wie Mitarbeiter der CIA weltweit mit „akustischen Strahlen“ angegriffen werden

KLAUS KELLE
Die amerikanische Botschaft in Havanna/Kuba.
Die Nächte in Havanna sind auch Ende Dezember immer sehr angenehm. Bei Sonnenuntergang sind es immer noch locker 20 Grad, die Luftfeuchtigkeit ist nicht so hoch wie üblich – es herrscht ein Flair mit Musik auf den Straßen, das auch viele westliche Touristen auf Kuba bis heute schätzen.
In seinem Apartment im Stadtteil Vedado genießt der Diplomat, den man später „Adam“ und „Patient Zero“ nennen wird, an diesem 30. Dezember 2016 seinen Feierabend. Der knapp 40 Jahre alte Diplomat an der US-Botschaft in Havanna lebt in einem der typischen, in die Jahre gekommenen, kubanischen Mehrfamilienhäuser nahe der US-Botschaft am Malecón. Es ist ein großzügiges Apartment, wie es für ranghohe Diplomaten üblich ist.
Doch „Adam“ hat in Wirklichkeit eine andere Aufgabe in der amerikanischen Botschaft
Er arbeitet für den Auslandsgeheimdienst CIA.
An diesem Abend kurz vor Silvester wird die Harmonie in der Diplomatenwohnung plötzlich durch ein Geräusch zerrissen, das Adam später als „einen akustischen Strahl“ beschreiben wird.
Es handelt sich nicht um gewöhnlichen Lärm, sondern um ein hochfrequentes, metallisches Zischen, das sich anfühlt, als würde es direkt in seinen Schädel gebohrt, wie er später erzählen wird. Und er bemerkt etwas, was viel später noch einmal wichtig wird: Tritt er nur einen Meter zur Seite, nach vorn oder hinten, verstummt das unangenehme Geräusch fast völlig. Kehrt er an die ursprüngliche Stelle zurück, trifft ihn der „akustische Strahl“ wieder mit voller Wucht. Adam sagte später: „Ich dachte, ich würde das vielleicht nicht überleben. Der Druck im Kopf war unerträglich, als würde mein Gehirn anschwellen.“ Ihm wird übel, dann verliert er das Bewusstsein.
Als „Adam“ am nächsten Morgen seinen vorgesetzten Offizieren von dem gruseligen Erlebnis berichtet, vermutet die CIA zunächst eine Art bizarren Unfall oder vielleicht eine Fehlfunktion von Abhörgeräten. Doch als in den Wochen darauf immer mehr Mitarbeiter der Havanna-Station – oft ebenfalls CIA-Agenten in Privatwohnungen – über gleiche Erlebnisse klagen, begreift man langsam, dass all das kein Zufall sein kann, sondern ein gezielter Angriff ist.
Bis Ende 2017 wurden allein in Havanna offiziell 26 Fälle registriert. Die Betroffenen erlitten permanente Hirnschädigungen, Gleichgewichtsverlust und kognitive Defizite, die sie arbeitsunfähig machten. Washington reagierte und zog fast das gesamte Personal der Botschaft ab, die danach praktisch nicht mehr arbeitsfähig war.
Kuba blieb kein Einzelfall
Was in Havanna begann, entwickelte sich zu einem Albtraum für die CIA. Bis heute wurden mehr als 1.500 Fälle in 96 Ländern gemeldet. Von China über Indien bis hin zu Vietnam und Österreich (Wien) meldeten amerikanische Diplomaten, Geheimdienstler und auch Familienmitglieder solche Angriffe.
Im August 2021 wurde schließlich die deutsche Hauptstadt heimgesucht.
Zwei amerikanische Diplomaten wurden in der massiv gesicherten US-Botschaft am Pariser Platz, gleich neben dem berühmten Brandenburger Tor, zum Ziel derartiger Attacken. Die Angriffe fanden nicht in Privatwohnungen, sondern direkt in der Botschaft statt. Die beiden Diplomaten arbeiteten an hochsensiblen Themen mit Russland-Bezug: der Energiesicherheit (Nord Stream 2) und der Cyber-Abwehr.
Die Symptome der beiden Männer – Schwindel, Sehstörungen und ein massiver „Kopfdruck“ – traten so plötzlich auf, dass die Diplomaten von Notärzten evakuiert werden mussten. Das Bundeskriminalamt (BKA) nahm Ermittlungen wegen eines „schweren Staatsschutzdelikts“ auf – ein diplomatisches Novum, da Berlin damit offiziell zum Tatort einer fremden Macht wurde.
Bei der Suche nach den Ursachen stießen Ermittler im Jahr 2024 auf die russische Spezialeinheit 29155. Mitglieder dieser GRU-Eliteeinheit, die bereits für den Giftanschlag auf Sergej Skripal in England verantwortlich waren, konnten durch Reise- und Handydaten mit fast allen Tatorten in Verbindung gebracht werden. In Berlin und Frankfurt (wo bereits 2014 ein früher Fall vermutet wird) hielten sich Agenten dieser Einheit unter Decknamen auf, exakt zu den Zeiten, als die US-Diplomaten an den bekannten Symptomen erkrankten.
Westliche Geheimdienste wissen, dass sich GRU-Offiziere dieser Einheit mit „nicht-tödlichen akustischen Waffen“ befasst haben und dafür in Russland sogar ausgezeichnet wurden. Experten gehen davon aus, dass kompakte Mikrowellen-Emitter, die leicht durch Wände dringen können, für die Symptome verantwortlich sind. Diese Geräte lösen den sogenannten Frey-Effekt aus, bei dem elektromagnetische Pulse direkt im Innenohr des Opfers in Schallwellen umgewandelt werden – was erklärt, warum nur die Zielperson das Geräusch hört, während Umstehende nichts bemerken.
Die Folgen für die angegriffenen Personen verändern deren Leben grundlegend
Die Langzeituntersuchungen der Diplomaten nach solchen Attacken belegten, dass sie anhaltend unter massiven Störungen des Gleichgewichtsgefühls leiden. Viele Betroffene können nicht mehr ohne Hilfe geradeaus gehen oder leiden unter chronischem Schwindel. Permanenter Hörverlust auf einem oder beiden Ohren sowie Sehstörungen bis hin zur teilweisen Erblindung wurden häufig festgestellt. Zudem treten chronisch und immer wiederkehrend Kopfschmerzen sowie Migräneattacken auf, die oft resistent gegen herkömmliche Medikamente sind.
Wenn wir heute vom „hybriden Krieg“ sprechen, dann meint das nicht nur die Manipulation der öffentlichen Meinung oder „Wegwerf-Marionetten“, die kleine Handlangerdienste für russische Geheimdienste auch in Deutschland ausführen. In der Welt der Geheimdienste ist aus dem Kalten Krieg in den vergangenen Jahren längst ein heißer Krieg geworden.

 

 

 


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Klaus Kelle, Chefredakteur