Enthüllungen über geleakte Telefonate mit Moskau und Landesverrat sind wie ein Sechser im Lotto für Péter Magyars Kampagne
„Wer ist hier eigentlich der Souverän? Ein Außenminister, der seine Befehle in Moskau abholt, während er das ungarische Volk belügt, ist kein Diener der Nation, sondern ein Handlanger fremder Mächte. Wir holen uns unser Land von den russischen Schatten zurück!“
Péter Magyar, der Herausforderer von Orbán und Chef der Tisza-Partei, nahm am vergangenen Wochenende in Budapest kein Blatt vor den Mund. Vor Tausenden Anhängern stellte der frühere Weggefährte von Orbán und seiner Fidesz das jahrzehntelang sorgsam gepflegte Narrativ des Regierungschefs offen infrage, die ungarische Freiheit gegen „Brüssel“ tapfer zu verteidigen.
Wenige Tage vor den Wahlen am 12. April steht Ungarn möglicherweise an einem historischen Wendepunkt.
Ausgestattet mit einer absoluten Mehrheit vor vier Jahren, willfährigen Mainstream-Medien im Rücken und einem maßgeschneiderten Wahlrecht sah sich Orbán fest im Sattel und stark genug, es mit allen aufzunehmen. Solidarität innerhalb der europäischen Staatengemeinschaft – nicht mit dem selbstbewussten Viktor Orbán. Doch mit dem Aufstieg von Péter Magyar, einem Insider des Systems, der die Mechanismen der Macht aus dem inneren Kreis noch kennt, scheint sich das Blatt zu wenden. Die Stimmung im Land ist so aufgeheizt wie seit der Wende 1989 nicht mehr.
Da platzen die jüngsten Enthüllungen über Außenminister Péter Szijjártó wie eine Bombe in den Wahlkampf und lösen ein politisches Erdbeben aus.
Denn für Péter Magyar und sein Bündnis kommen die geleakten Telefonate zwischen Szijjártó und dem russischen Außenminister Sergej Lawrow einem politischen Sechser im Lotto gleich. Die Aufnahmen dokumentieren detailliert, wie der ungarische Außenminister EU-interne Informationen, Verhandlungsstrategien und sensible Details zu Sanktionspaketen gegen Russland fast in Echtzeit nach Moskau durchsteckte.
Besonders brisant: Während Orbán nach außen hin stets betonte, er handele im Sinne eines „starken und unabhängigen Europas“ und wolle lediglich ungarische Wirtschaftsinteressen schützen, zeigen die Leaks ein völlig anderes Bild.
Es geht nicht um billiges Gas für ungarische Familien. Es geht um die gezielte Rettung russischer Oligarchen und die Schwächung der europäischen Verteidigungsfähigkeit.
Dass Szijjártó dabei offenbar eng mit der slowakischen Regierung koordinierte, um EU-Maßnahmen gegen Russlands „Schattenflotte“ zu sabotieren, verleiht dem Skandal eine neue, grenzüberschreitende Dimension des Verrats.
Die bittere Ironie der Souveränität
Viktor Orbán hat seine gesamte politische Karriere auf dem Konzept der „Souveränität“ aufgebaut. Er inszenierte sich als der letzte Verteidiger gegen die angebliche Bevormundung durch die Europäische Union. Doch die nun veröffentlichten Protokolle legen den Verdacht nahe, dass die wahre Bedrohung für die ungarische Unabhängigkeit nicht in Brüssel, sondern im eigenen Außenministerium sitzt.
Wenn ein EU-Mitgliedstaat die vertraulichen Positionen seiner Partner an einen kriegführenden Aggressor verrät, dann ist das weit mehr als nur ein diplomatischer Fauxpas. In den Augen vieler Ungarn – und vor allem in der Rhetorik Magyars – ist dies Landesverrat. Es stellt sich die fundamentale Frage: Für wen arbeitet diese Regierung eigentlich? Die Enthüllungen suggerieren, dass Fidesz-Spitzenpolitiker wie Handlanger des Kremls agieren, die europäische Interessen hinter das Licht führen und damit die Sicherheit des gesamten Kontinents gefährden.
Die Reaktion der Orbán-Regierung: Leugnen, Ablenken, Angreifen
Szijjártó bezeichnete die Berichte als „politisch motivierte Attacke“ und „Fake News“. Die Regierungsmedien entblödeten sich nicht, die Geschichte als eine Operation westlicher Geheimdienste darzustellen, die das Ziel habe, die Wahl in Ungarn zu beeinflussen.
Doch dieses Mal scheint die Strategie nicht mehr vollends zu greifen. Zu detailliert sind die Aufnahmen, zu authentisch die Stimmen und zu offensichtlich ist der zeitliche Zusammenhang mit den Blockadehaltungen Ungarns in Brüssel. Der Vorwurf der Spionage gegen die eigenen Partner wiegt schwerer als die üblichen Phrasen über angebliche „Soros-Agenten“.
Die Auswirkungen auf die Wählermeinung sind verheerend für den Fidesz. Die aktuellsten Umfragen (Stand 31. März 2026) zeichnen ein Bild, das vor wenigen Monaten noch undenkbar gewesen wäre.
Unabhängige Institute wie Medián sehen die Opposition inzwischen bei sensationellen 58 Prozent unter den entschiedenen Wählern. Magyar ist es gelungen, das Thema der Korruption mit dem Thema der nationalen Sicherheit und dem Verrat an Europa zu verknüpfen.
Die Regierungspartei stürzt in diesen Erhebungen auf 35 Prozent ab – ein historischer Tiefstand. Selbst regierungsnahe Institute wie Nézőpont, die Fidesz normalerweise weit vorne sehen, melden nur noch einen knappen Vorsprung für ihren Auftraggeber.
Besonders alarmierend für Orbán ist, dass laut Analysen des 21 Kutatóközpont die Wechselstimmung nun auch die ländlichen Regionen und ehemaligen Fidesz-Hochburgen erfasst hat. Und unabhängig davon, wie diese Wahl ausgehen wird: Es bleibt das Bild einer Regierung in Budapest, die ihre Partner belogen und ihre eigene Souveränität für die Gunst Moskaus geopfert hat.
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Klaus Kelle, Chefredakteur