Aldrich Ames: Wie ein Mann aus Geldnot zum Verräter wurde und dabei 20 Agenten in Moskau dem sicheren Tod auslieferte
Der 16. April 1985 war ein regnerischer Dienstag in Washington D.C., als Aldrich „Rick“ Ames den entscheidenden Schritt in Richtung Abgrund wagte. Ames, ein 44-jähriger CIA-Offizier mit einer Vorliebe für Wodka und einer rasant wachsenden Schuldenlast, war an diesem Nachmittag nicht in seinem Büro in Langley. Stattdessen steuerte er seinen Wagen zur sowjetischen Botschaft in der 1125 16th Street NW. Er sprach den Pförtner an, zeigte seinen Dienstausweis vor und verlangte, Sergei Chuvakin zu sprechen. In seiner Tasche hatte er ein Umschlag mit den Namen von zwei russischen KGB-Offizieren dabei, die verdeckt für die CIA arbeiteten.
Im Gespräch mit Chuvakin verlangte Ames 50.000 Dollar für die beiden Namen, die er zu verraten bereit war.
Austern, Wodka und Verrat im „Chadwick’s“
Der darauf folgende dauerhafte Verrat fand dann meistens in den gehobenen Restaurants der amerikanischen Hauptstadt statt. Besonders das „Chadwick’s“ in Georgetown wurde zum Schauplatz seiner konspirativen Treffen. Während die CIA-Führung glaubte, Ames würde dort Rekrutierungsarbeit für die CIA leisten, genoss er mit seinen russischen Kontaktmännern beim „Champagner Brunch“ Klassiker wie Eggs Benedict, Eggs Chesapeake (mit Krabbenfleisch) und Buttermilch-Pancakes. Gern auch mal Mud Pie: ein beliebter Nachtisch aus Kaffee-Eiscreme auf einem Oreo-Keksboden, übergossen mit Schokoladensauce.
Man saß in den dunklen Holznischen des Lokals. Ames liebte die Meeresfrüchte dort – oft wurden frische Austern und gegrillter Fisch bestellt, begleitet von mehreren Runden Wodka oder trockenem Martini. Die Rechnungen beglichen dann stets die KGB-Leute. Während Ames sich den Bauch vollschlug, schob er unter dem Tisch Umschläge mit sensibelsten Dokumenten und den Identitäten von US-Spionen in Moskau an seine Gastgeber rüber.
Ames’ Weg in den Verrat an den Feind hing eng mit seinem Privatleben zusammen
Seine erste Ehe mit Nancy Segebarth, einer loyalen CIA-Mitarbeiterin, lag in Trümmern. Hauptgrund war seine Sauferei. Als er irgendwann nach Mexiko-Stadt versetzt wurde, Anfang der 80er Jahre, lernte er Maria del Rosario Casas Dupuy kennen. Sie war eine gebildete Frau aus einer einflussreichen kolumbianischen Familie, arbeitete als Kulturattachée und wurde von Ames für die CIA als Informantin rekrutiert.
Aus ihrer zunächst rein beruflichen Beziehung wurde bald eine leidenschaftliche Affäre. Aber Rosario hatte einen exzellenten Geschmack und hohe Ansprüche an ihr Leben.
Als Ames Ehefrau Nancy 1985 die Scheidung durchzog, war er damit finanziell am Ende. Die Abfindung für Nancy und der Wunsch, Rosario den Luxus zu bieten, den sie gewohnt war, trieben ihn als letzten Ausweg zur sowjetischen Botschaft.
Ames und die Kolumbianerin heirateten 1985, die Sause bezahlte Moskau
Als normaler CIA-Offizier verdiente Ames um die 60.000 Dollar im Jahr.
Und irgendwann, als immer mehr menschliche Quellen der CIA und auch anderer westlicher Nachrichtendienste in Moskau plötzlich überraschend verschwanden, dämmerte es den ersten in Langley, dass sie möglicherweise einen „Maulwurf“ in den eigenen Reihen haben.Ein internes Ermittlerteam wurde in der CIA eingesetzt, um herauszufinden, wer für die andere Seite arbeitet.
Lange Jahre blieb Ames, der zu den infrage kommenden CIA-Mitarbeitern gehörte, unter dem Radar der Taskforce. Zwar fiel denen bald der extravagante und teure Lebensstil des Kollegen auf, aber der behauptete, dass die Familie seiner Frau in Kolumbien schwerreich war. Um das glaubhaft zu machen, veranlassten Ames und Maria immer mal wieder höhere private Überweisungen zwischen den USA und ihrer Familie in Kolumbien.
Und lange kam das Paar damit durch
Obwohl er ein Haus in Arlington für 540.000 Dollar gekauft und in bar bezahlt hatte. Obwohl er einen glänzenden roten Jaguar fuhr, ein Auto, das auf dem CIA-Mitarbeiterparkplatz wie ein Fremdkörper wirkte. Obwohl er Maßanzüge trug und seine durchs lange Rauchen und Saufen wenig ansehnlichen Zähne für Tausende Dollar überkronen und schön machen ließ.
Irgendwann, endlich kam bei der CIA dann doch jemand auf die Idee, die eigene Residentur in Kolumbien mal zu fragen, ob sie sich die kolumbianische Familie der Frau von Ames mal genauer anschauen könnten. Das Ergebnis: die Leute waren alles andere als reich.
Im CIA-Hauptquartier in Langley brach schon vorher zunehmend Entsetzen aus, während Ames in Washington Austern schlürfte. Nach und nach fielen immer mehr wichtige Informanten in Moskau unerwartet aus. Manche wurden verhaftet, andere verschwanden einfach, so wie der US-Top-Spion General Dmitri Poljakow. Einfach weg, wie vom Erdboden verschluckt. Es war ein Kahlschlag. Die CIA war in Moskau plötzlich vollkommen „blind“.
Es dauerte Jahre, bis das Ermittler-Team, angeführt von der hartnäckigen Sandy Grimes, alle Puzzleteile zusammensetzten konnte. Sie verglichen die Daten der Geldzahlungen auf Ames’ Konten mit seinen Treffen mit Chuvakin in Washington, der angeblich von Ames angeworben werden sollte. Die Übereinstimmung war erschreckend: Jedes Mal, wenn Ames ein „Rekrutierungsgespräch“ führte, landeten kurz darauf Zehntausende Dollar auf seinen Konten bei der Dominion Bank.
Im Jahr 1993 zog sich das Netz endgültig zu. Das FBI übernahm die Überwachung des verdächtigen CIA-Mannes. Sie durchsuchten sogar Ames‘ Mülltonne und fanden zerrissene Notizen über geheime Übergabeorte („Dead Drops“). Sie installierten Wanzen in seinem Haus und hörten mit, wie er und Rosario über die russischen Zahlungen stritten.
Am Morgen des 21. Februar 1994 schlug das FBI zu
Ames war gerade in seinen Jaguar gestiegen, um zur Arbeit zu fahren, als ihn bewaffnete Agenten umstellten. Sein einziger Kommentar: „Sie machen einen großen Fehler!“ Doch die Beweislage war erdrückend.
Aldrich Ames packte nach 48 Stunden Verhör aus und wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Sein Verrat kostete in Moskau mindestens zehn Menschen das Leben und zerstörte Jahrzehnte an Geheimdienstarbeit. Rosario Ames wurde ebenfalls verurteilt, erhielt aber eine mildere Strafe (5 Jahre) und wurde später nach Kolumbien abgeschoben.
Der Fall Ames veränderte die CIA radikal. Das blinde Vertrauen unter Kollegen gab es fortan nicht mehr, scharfe Sicherheitsüberprüfungen wurden ersonnen und die Zusammenarbeit mit dem FBI wurde gesetzlich neu geregelt.
Ames Verrat hatte vor allem für die westlichen Spione in Russland schlimmste Konsequenzen, Männer, die ihr Leben riskiert und für die CIA, den britischen MI6 und weitere Dienste Informationen aus dem inneren Kreis des Kreml besorgt hatten, wurden umgebracht.
Darunter Generalmajor Dmitri Poljakow, der als hochrangiger Offizier des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU über 20 Jahre lang Informationen über sowjetische Militärstrategien und Raketentechnik verriet. Anders als Ames wollte er kein Geld, sondern spionierte aus tiefster Verachtung für das sowjetische System. 1988 wurde er in Moskau hingerichtet.
Adolf Tolkatschew war Elektroingenieur, der streng geheime Daten über sowjetische Radarsysteme und Stealth-Technologien verkaufte. Auch er hingerichtet im Jahr 1986.
Valeri Martynow und Sergei Motorin arbeiteten beide (KGB) in der sowjetischen Botschaft in Washington und wurden vom FBI umgedreht. Das waren die beiden Namen, die Ames bei seinem ersten Treffen mit dem Russen in Washington verriet. Beide wurden in Moskau hingerichtet. Oleg Gordijewski: KGB-Oberst in London, spionierte für den britischen MI6. Auch er wurde von Ames enttarnt, konnte jedoch in einer spektakulären Exfiltrations-Operation der Briten im Kofferraum eines Autos über die finnische Grenze flüchten. Und Leonid Poleschtschuk, ein KGB-Offizier in Nigeria, der nach einem Hinweis von Ames an seine russischen Freunde enttarnt und nach seiner Rückkehr in die UdSSR hingerichtet wurde
Für insgesamt 2,5 Millionen US-Dollar hat Ames mehr als 100 amerikanische Geheimdienstoperationen platzen lassen und 20 wertvolle westliche Agenten verraten. Kaum einer von ihnen hat den Verrat überlebt.
Aldrich Ames starb am 5. Januar dieses Jahres im Alter von 84 Jahren im Bundesgefängnis in Cumberland, Maryland.
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Klaus Kelle, Chefredakteur