Vom Kinderhandel in Hillary Clintons Pizzeria in Washington, die gar keinen Keller hat
Hat Spaß bei der Arbeit: Pizzabäcker in USA. FOTO: adobe.stock
„Viele von Ihnen werden schon einmal von ‚Pizzagate‘ gehört haben und vermutlich automatisch irgendetwas mit Hillary Clinton assoziieren. Heute Morgen schnitt eine lange aktive Leserin meines Blogs das Thema im Zusammenhang mit dem Fall Epstein an. Ich hatte noch im Hinterkopf, dass es da irgendwas mit gefangenen Kindern und Kinderpornografie gegeben haben soll. Es erschien mir von Anfang an so absurd, dass ich mich nie wirklich damit beschäftigt habe. Aber heute Morgen fühlte ich mich getriggert und habe mal bisschen recherchiert. Hier die ganze Geschichte von ‚Pizzagate‘:
Im Grunde fügt sich das zusammen wie ein Drehbuch für einen schlechten C-Movie der ganz billigen Art.
Eine mächtige Elite – was sonst? – betreibt im Keller einer Pizzeria in Washington D.C., der amerikanischen Bundeshauptstadt, einen Kinderhändlerring. Bitte lesen Sie es noch mal: Die mächtige Elite der USA betreibt also im Keller einer Pizzeria einen Kinderhändlerring. Im Grunde könnte man hier aufhören, so komplett absurd ist das, aber Millionen Menschen rund um den Planeten sind überzeugt von dieser Gruselschmonzette. Und fast wäre es wegen dieser frei erfundenen Geschichte zu einem Blutbad gekommen. Aber der Reihe nach…
Alles begann im Herbst 2016, mitten im US-Präsidentschaftswahlkampf zwischen Donald Trump und Hillary Clinton. Die Enthüllungsplattform WikiLeaks veröffentlichte damals kurz vor der Wahl tausende private E-Mails von John Podesta, dem Wahlkampfmanager von Clinton. Wer nach Staatsgeheimnissen suchte, wurde enttäuscht – die Mails handelten meist von Terminabsprachen und Abendessen.
Doch auf Imageboards wie 4chan und 8chan begannen Hobby-Detektive, die Texte der Mails nach ‚verdächtigen Mustern‘ zu durchsuchen. Kurz zur Erklärung: Ein Imageboard ist die versteckte Form eines Internetforums, in dem das anonyme Teilen von Bildern im Vordergrund steht. Es unterscheidet sich sehr deutlich von den Ihnen bekannten sozialen Netzwerken wie Facebook, Insta und so weiter.
Also, die Hobby-Aufdecker stellten fest, dass in den Mails des Clinton-Stabs ungewöhnlich häufig der Begriff ‚Pizza‘ vorkam. Fast müsste man lachen, denn wenn sich Politiker und ihre Mitarbeiter mittags oder abends zum Essen verabreden – ja, dann ist es bei der amerikanischen Esskultur nicht auszuschließen, dass man da häufig Pizza bestellt oder sich in einer Pizzeria verabredet. Comprende?
Doch ‚Pizza‘, so raunt man im Internet, sei ein ‚Codewort‘ für kleine Mädchen, und wohl aus Gender-Gründen dichtet man sich gleich noch zusammen, dass der ‚Hotdog‘ für kleine Jungen stehe.
Das Ziel der Kampagne war natürlich Hillary Clinton persönlich, ehemalige US-Außenministerin und Ehefrau des früheren Präsidenten Bill Clinton. Besonders ‚Slick Willie‘ bot sich als Ziel geradezu an, denn unvergessen sind seine Sex-Affäre mit einer Praktikantin des Weißen Hauses und seine Lügen dazu. Aber er kandidierte eben nicht, sondern seine inzwischen auch verhasste Ehefrau. Nicht wenige politische Beobachter meinen bis heute, die Präsidentschaftswahl zwischen Trump und Clinton sei wie eine ‚Wahl zwischen Pest und Cholera‘ gewesen. Trump habe nur gewonnen, weil Hillary noch unbeliebter war.
Aber sich die Außenministerin der Vereinigten Staaten vorzustellen, wie sie heimlich eine Pizzabude in D.C. eröffnet und im Keller Kinderpornos vertickt – dazu muss man mehr Fantasie haben, als den ‚Herrn der Ringe‘ von Tolkien für einen Dokumentarfilm zu halten.
Warum sollte eine der mächtigsten Frauen der Welt, die unter ständiger Begleitung von Bodyguards des Secret Service steht, so etwas in einer öffentlichen Pizzeria tun? Für die ‚Gläubigen‘ dieser Geschichte allerdings spielte Logik keine Rolle. Die Monströsität der angeblichen Verbrechen ist für sie nur ein weiterer Beweis, wie ‚tief‘ der Sumpf in Washington tatsächlich ist.
Die Räuberpistole von ‚Pizzagate‘ bezog sich zunächst nur auf diese eine Pizzeria mit dem sehr italienischen Namen ‚Comet Ping Pong‘.
Am 4. Dezember 2016 erreichte der Wahnsinn dann einen vorläufigen Höhepunkt
Donald Trump war bereits seit Wochen ‚President-elect‘, als der 28-jährige Edgar Maddison Welch, ein Familienvater aus North Carolina, mit einem AR-15-Gewehr in sein Auto stieg und nach Washington fuhr. Seine Mission: die Kinder ‚retten‘, von denen er im Internet gelesen hatte. Er stürmte das ‚Comet Ping Pong‘-Restaurant, bedrohte die Gäste – es hätten ja heimlich auch ‚Reptiloiden‘ darunter sein können – und gab Schüsse ab, um verschlossene Türen aufzubrechen. Er suchte zunehmend verzweifelt nach dem Eingang zum Keller der Pizzeria. Und musste aufgeben, denn das Gebäude steht auf einer Betonplatte. Es gab keinen Keller, keine gefangenen Kinder, keine geheimen Gänge. Einfach gar nichts. Nur Mehl und Tomatensauce im Hinterraum der Küche und verstörte Angestellte.
Welch wurde verhaftet. Gut so, ich hoffe, er hat einen guten Therapeuten
Die Geschichte ist natürlich damit nicht zu Ende. Denn Fakten haben Leute noch nie gestört, die etwas unbedingt glauben wollen. Und in dieser Situation betrat ein neuer anonymer Spinner die Bühne: ‚QAnon‘. Der verbreitete die nächste Gruselgeschichte. Angeblich sei er ein hochrangiger Regierungsmitarbeiter. Und er berichtete von einem weltweiten ‚Deep State‘ (Tiefen Staat), der Kinder entführte, um aus ihrem Blut eine Verjüngungsdroge (Adrenochrom) zu gewinnen.
Auch das bitte zwei Mal lesen! Holen Sie sich was zu trinken, aber bitte kein Blut!
Im Grunde könnte man über all das lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Die Betreiber des ‚Comet Ping Pong‘ erhielten noch über Jahre hinweg Morddrohungen. Und nicht nur der Pizzeria-Keller ist frei erfunden, sondern natürlich gibt es keinen clintonschen Kinderhandel, wo man Blut zapft. Es gibt nicht den kleinsten Beleg dafür, dass irgendwas an diesen Geschichten auch nur wahr sein könnte. Aber in den Echokammern des weltweiten Netzes kann der größte Schwachsinn zu einer ernsten Gefahr werden. Denn die nächste dunkle Weltverschwörung ist nur noch einen Mausklick entfernt…“
Neueste Außen
Neueste Kultur
Neueste Politik
Spendenaufruf
+++ Haben Sie Interesse an politischen Analysen wie diesen?
+++ Dann unterstützen Sie unsere Arbeit
+++ Mit einer Spende über PayPal@TheGermanZ
oder einer Überweisung auf unser Konto DE03 6849 2200 0002 1947 75 +++
Klaus Kelle, Chefredakteur