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Kronprinzenpaar ist in Italien

„Nicht schuldig!“ Der tiefe Fall des Marius Borg Høiby und was die Norweger daran wirklich beschäftigt

RED
Der Lack ist ab: Übersteht das Königshaus diese Krise?
Gerichtssaal 250 im Bezirksgericht von Oslo: Pünktlich um 9 Uhr heute Morgen betritt Marius Borg Høiby, Sohn der Kronprinzessin Mette-Marit, den Saal. Die Anklageschrift des Staatsanwalts Andreas Kruszewski ist ein düsteres Dokument menschlicher Abgründe. Insgesamt 38 Anklagepunkte werden dem 29-jährigen Angeklagten zur Last gelegt. Es geht um vier Vergewaltigungen, bei denen die Opfer zum Zeitpunkt der Tat bewusstlos oder anderweitig wehrlos gewesen sein sollen. Zudem erhebt man Vorwürfe wegen häuslicher Gewalt gegen drei Ex-Partnerinnen, Bedrohungen, Sachbeschädigung und Verstöße gegen Kontaktverbote.
Doch als die Richterin beim Plädoyer wissen will, ob Marius sich schuldig oder nicht schuldig bekennt, antwortet der mit fester Stimme: „Nicht schuldig!“
Zumindest in den Hauptanklagepunkten, denn schon vorher hatte Høiby kleinere Delikte wie Drogenbesitz und vereinzelte tätliche Angriffe im Drogenrausch eingeräumt. Doch Vergewaltigung und systematische Misshandlung weist auch Verteidigerin Ellen Holager Andenæs strikt zurück.
Gleich zu Prozessbeginn stürzten sich die Medienvertreter auf ein kleines Detail, das für großes Aufsehen sorgte: Um seinen Hals trug Høiby einen Rosenkranz. In einem lutherisch geprägten Land wie Norwegen, in dem Høiby bisher eher als Protagonist der exzessiven Osloer Partyszene bekannt war, wirkte so ein katholisches Symbol wie ein Fremdkörper.
Beobachter im Gerichtssaal und Experten für Krisenkommunikation rätselten gleich über die Bedeutung dieser demonstrativen Handlung. In der norwegischen Öffentlichkeit wird die Geste weniger als Ausdruck plötzlicher Religiosität, sondern vielmehr als inszenierte Demut gewertet. Mit dem Rosenkranz wolle sich der Angeklagte als eine Art geläuterter Sünder darstellen, der durch Schmerz und Reue zu einer neuen moralischen Haltung gefunden hat. Es ist jedoch kaum vorstellbar, dass ihm das angesichts der Brutalität der angeblich von ihm begangenen Taten jemand wirklich abnimmt.
Denn der Rosenkranz steht in scharfem Kontrast zu Høibys bisherigem Leben. Jahrelang sorgte er mit Drogenexzessen, schnellen Autos und fragwürdigen Kontakten in Oslos kriminelles Milieu für Schlagzeilen. Während er offiziell als Mechaniker oder in Redaktionen arbeitete, kursierten Gerüchte über exzessive Partys auf dem königlichen Anwesen Skaugum.
Die Konsequenzen innerhalb der königlichen Familie waren drastisch: So bekam Marius Borg Høiby faktisch Hausverbot im Palast und auf dem privaten Gut Skaugum. Auslöser waren Sicherheitsbedenken, nachdem im Umfeld seiner Partys Wertgegenstände der Königsfamilie verschwunden sein sollen und bekannte Kriminelle auf dem Gelände verkehrten. Der „Bonussohn“ von Kronprinz Haakon wurde zur Persona non grata in den eigenen vier Wänden.
Während ihr Sohn vor Gericht um seine Freiheit kämpft, fehlte von seiner Familie am ersten Prozesstag jede Spur. Kronprinzessin Mette-Marit und Kronprinz Haakon waren in Staatsgeschäften unterwegs und reisten zu den Olympischen Winterspielen nach Italien. Das wird in den norwegischen Medien als bewusste Distanzierung gewertet.
Zwar betont das Königshaus, der Strafprozess sei „eine private Angelegenheit eines erwachsenen Bürgers“, doch die Symbolik ist verheerend. Mette-Marit, die ihren Sohn in der Vergangenheit oft gegen Kritik verteidigte und ihn nach seiner Festnahme im August 2024 sogar durch eine Warnung vor einer bevorstehenden polizeilichen Hausdurchsuchung unterstützte, scheint nun den Weg der institutionellen Selbsterhaltung gewählt zu haben. Bei Vorwürfen von Vergewaltigung und häuslicher Gewalt gibt es keine Nähe des Königshauses mehr. Die Untertanen wollen wissen, ob man es mit dem Rechtsstaat und der Gleichbehandlung von Angeklagten vor Gericht in Norwegen wirklich ernst meint.

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Klaus Kelle, Chefredakteur