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„Grüne Männchen“ im Strandkorb

Was soll Putin denn auf Rügen? Von Analysten, die das Undenkbare denken müssen

KLAUS KELLE
Die malerischen Kreidefelsen auf Rügen.

Warum sollte Wladimir Putin seine Armee gegen Deutschland in Marsch setzen wollen? Das fragen Moskaus Unterstützer hierzulande oft spöttisch in den sozialen Netzwerken, um die Antwort gleich mitzuliefern: Hier werde ja gegendert und überhaupt sei irgendwie alles schlecht. Erstaunlich, dass niemand von denen dann ins schöne, wirtschaftlich prosperierende Russland umsiedelt, wo doch alles ganz prima läuft. Irgendwie bleiben alle hier, wo sie sicher und gemütlich auf dem warmen Sofa sitzen, um das eigene Land mit Kübeln voller Schmutz überschütten.

Also: Was wollen denn „die Russen“ mit diesem Deutschland?

Die Antwort darauf hat in der vergangenen Woche Erkki Koort, Leiter des Instituts für Innere Sicherheit an der Estnischen Akademie der Sicherheitswissenschaften in Tallinn, in einem Interview mit dem Nachrichtenportal t-online gegeben.

Deutschland sei die größte wirtschaftliche Macht Europas, bestätigt Koort, und wenn man Europa stören und auseinandertreiben wolle, seien wir genau der richtige Hebel dazu. Deshalb werden wir ja auch ständig einem wahren Bombardement mit Desinformation und Fake News aus russischen Trollfabriken im Internet ausgesetzt. Und verstörender Weise ist ein gar nicht mal so kleiner Teil unserer Gesellschaft bereit, auch den größten Unsinn für bare Münze zu nehmen, wenn es bloß den eigenen gewünschten Narrativen entspricht.

Aber es kommt ein weiterer Aspekt dazu:

Deutschland hat für die Sicherung der NATO-Ostflanke eine enorme Bedeutung.

Koorts Szenario ist wie folgt:

„Polen hat zwar starke Streitkräfte, aber sie sind vor allem auf ihre eigene Ostgrenze ausgerichtet. Greift Russland Deutschland an, müsste Polen Kräfte an die Westgrenze verlagern – also Polizei, Grenzschutz, möglicherweise auch das Militär. Ein solcher Schritt würde die Ostflanke der NATO destabilisieren.“

Man sollte sich dennoch davor hüten, Kaffeesatzleserei zu betreiben! Wie limitiert Russlands militärische Möglichkeiten sind, sehen wir jeden Tag in der Ukraine, wo die einstmals als zweitstärkste Armee der Welt eingeschätzten russischen Streitkräfte seit über vier Jahren im Osten der Ukraine festgenagelt werden. Mir fehlt die Fantasie, für möglich zu halten, dass diese russischen Streitkräfte einfach mal so Westeuropa überrennen könnten. Mit wem und was denn?

Außerdem – disruptiv hin oder her – die Vereinigten Staaten sind auch noch da – und Donald Trump als US-Präsident in zwei Jahren nicht mehr. Kein Grund also zur Aufregung, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wurde.

Interessant an der Analyse von Erkki Koort ist ein anderer Aspekt

Schwedische Militärs warnen immer wieder vor einer russischen Nadelstichtaktik. Seht her, wir Russen können jederzeit und überall zuschlagen. Im NATO-Hauptquartier in Brüssel wurde schon vor Monaten darüber nachgedacht, wie der Westen reagieren könnte und müsste, wenn „grüne Männchen“ eine Stadt in Lettland übernähmen – unter dem Vorwand, die russische Minderheit würde dort bedroht. Würde die NATO wegen einer Stadt im Baltikum einen Atomkrieg mit Russland und vielleicht sogar noch China riskieren?

Auch die zwischen Schweden und Lettland liegende schwedische Insel Gotland wird häufig in Planspielen genannt, wenn es darum geht, wie der Kreml die westlichen Fähigkeiten testen könnte.

Koort fügt diesen Szenarien eine weitere Variante hinzu

In einem Interview mit dem „Baltic Sentinel“ warnte der estnische Verteidigungsexperte Ende März vor einer begrenzten russischen Operation gegen die deutsche Ostseeinsel Rügen.

In diesem Szenario würde der Kreml zunächst Sympathisanten und Paramilitärs in Zivil auf die Insel einsickern lassen. Koort: „Die würden zwischen den anderen Touristen gar nicht auffallen, könnten in AirBnB- oder Ferienwohnungen unterkommen und sich unauffällig verhalten.“

An einem festgelegten Tag würde dann ein weiterer großer Schwung „Touristen“ auf Rügen ankommen und Quartiere auf der Insel beziehen. In der dritten Phase könnten russische Soldaten ohne Hoheitskennzeichen („grüne Männchen“) auf Rügen anlanden. Das wäre zum Beispiel von einem Schiff der „Schattenflotte“ aus leicht zu organisieren.

Ist das realistisch?

Das werden wir im schlimmsten Fall sehen, auf jeden Fall wäre Rügen aus russischer Sicht das attraktivere Ziel. Wenn Putins Wahnsinn so weit führt, den Westen direkt angreifen zu wollen, dann hieße sein Ziel zweifellos nicht Schweden und Gotland, sondern Deutschland und Berlin.

Und anders als Gotland, das mitten in der Ostsee liegt, ist Rügen über eine Brücke mit dem deutschen Festland verbunden. Eine Infiltration durch russische Paramilitärs wäre vergleichsweise deutlich einfacher.

Hinzu kommt: Rügen ist ein beliebtes Urlaubsziel für viele deutsche und internationale Touristen. Ein paar Männer mit kurzen Haaren und bulligem Körperbau fallen zwischen den anderen Besuchern nicht so stark auf wie auf Gotland.

Derzeit leben etwa 3,5 Millionen russischstämmige Menschen in Deutschland, die meisten sind uns herzlich willkommen und bestens integriert. Aber – weiter im Szenario – wenn nur ein Prozent dieser Menschen Putin-Loyalisten wären, dann reden wir über 35.000 potenzielle Feinde im Fall eines heißen Konflikts im eigenen Land. Und dabei will ich gar nicht anfangen von frustrierten früheren SED-Kadern, Stasi-Mitarbeitern oder auch NVA-Offizieren, die 1990 arbeitslos wurden.

Wir alle reden oft darüber, ob es aus Sicherheitsgründen nicht ein fataler Fehler war, 2015 und danach zwei Millionen Menschen aus einer fremden Kultur einfach so ins Land zu lassen. Und ob das gefährlich werde, gar Vorbote einer „Invasion“ von Islamisten sei.

In der aktuellen angespannten Sicherheitslage hat Deutschland heute mindestens zwei große Probleme dieser Art.

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Klaus Kelle, Chefredakteur