Heute vor 735 Jahren stürmten islamische Horden die Kreuzritter-Festung in Akkon
AKKON – Der Jahrestag, diese 18. Mai 1291, markierte das endgültige Ende einer Epoche. Als an diesem Morgen die Sonne über der Levante aufging, stand die mächtige Hafenstadt Akkon bereits seit mehr als sechs Wochen unter dem unbarmherzigen Trommelfeuer mamlukischer Belagerungsmaschinen. Sultan al-Aschraf Khalil hatte eine gewaltige Streitmacht mobilisiert, um den letzten bedeutenden christlichen Außenposten im Heiligen Land zu vernichten.
Historiker schätzen heute das Heer der Mamluken auf etwa 60.000 Reiter und bis zu 100.000 Fußsoldaten. Diese schiere Übermacht stand einer Verteidigungsgemeinschaft gegenüber, die kaum mehr als 1.000 berittene Ritter und rund 14.000 Fußsoldaten umfasste. Angeführt wurden die Verteidiger von den Großmeistern der großen Ritterorden, darunter Guillaume de Beaujeu für die Templer und Jean de Villiers für die Johanniter, sowie dem König von Zypern, Heinrich II., der erst kurz zuvor mit Verstärkung eingetroffen war.
Dass der entscheidende Großangriff ausgerechnet auf diesen 18. Mai fiel, war das Ergebnis einer präzisen und rücksichtslosen militärischen Taktik.
Wochenlang hatten die Mineure des Sultans die Fundamente der gewaltigen Stadtmauern untergraben. Große Abschnitte der Befestigung, darunter der strategisch vitale „Verfluchte Turm“, waren bereits am Vortag teilweise eingestürzt oder schwer beschädigt worden. Al-Aschraf Khalil wusste, dass die Verteidiger physisch und psychisch am Ende ihrer Kräfte waren. Als im Morgengrauen des 18. Mai Hunderte von Pauken und Trompeten den Generalsturm ankündigten, drangen die Mamluken durch die Breschen der inneren Mauer.
Der koordinierte Ansturm überrannte die erschöpften Wachen. Guillaume de Beaujeu warf sich den Angreifern entgegen, wurde jedoch von einem Pfeil tödlich getroffen. Sein Tod brach den organisierten Widerstand der Christen. Panik machte sich in den Straßen breit.
Um die Tragweite dieses Tages zu verstehen, muss man die Bedeutung Akkons kennen
Seit dem Verlust Jerusalems an Saladin im Jahr 1187 war Akkon zur De-facto-Hauptstadt des verbliebenen Königreichs Jerusalem aufgestiegen. Die Stadt war kein bloßer Militärstützpunkt, sondern das wirtschaftliche, religiöse und logistische Herz der Kreuzfahrerstaaten.
Ihr Hafen war das Tor zum Westen, über den der gesamte Handel mit Genua, Venedig und Pisa abgewickelt wurde, und der wichtigste Ankunftsort für Pilger und europäische Truppennachschübe. Die Stadt war von einer doppelten, hochmodernen Mauerlinie geschützt und galt damals als uneinnehmbar. In ihren Mauern konzentrierten sich Reichtum, Kultur und die Hauptquartiere der mächtigsten geistlichen Ritterorden. Akkon war das symbolische und reale Bollwerk des christlichen Orients. Ihr Fall bedeutete nicht nur den Verlust einer Stadt, sondern den Zusammenbruch der gesamten Kreuzfahrerpräsenz in der Region.
Als die Mamluken die Straßen fluteten, verwandelte sich die Metropole in ein Schlachthaus
Für die überlebenden Kreuzfahrer und die Zivilbevölkerung begann ein verzweifelter Kampf um das nackte Leben. Tausende Menschen strömten zum Hafen, wo die Schiffe der Italiener und des Königs Heinrich II. im stürmischen Meer lagen. Doch das Rettungssystem kollabierte schnell. Es gab viel zu wenige Boote für die riesige Menschenmenge. Wohlhabende Bürger und Adlige boten den Kapitänen astronomische Summen in Gold und Juwelen für einen Platz an Bord. Viele kleinere Boote kenterten völlig überladen noch im Hafenbecken, und Hunderte Menschen ertranken im Kettenhemd. König Heinrich II. und der schwer verletzte Johanniter-Großmeister Jean de Villiers gehörten zu den wenigen Privilegierten, denen die Flucht auf den verbliebenen Galeeren gelang.
Das primäre Ziel der Fluchtboote war die nahegelegene Insel Zypern, die sich fest in christlicher Hand befand und zum neuen Zufluchtsort für die herrschaftliche Elite des untergegangenen Königreichs wurde.
Andere Schiffe steuerten die verbliebenen kleineren Festungen an der Küste an, wie Sidon oder Tortosa, die jedoch in den folgenden Wochen ebenfalls kampflos geräumt werden mussten. Schätzungen zufolge gelang nur einem kleinen Bruchteil der Bevölkerung – wenigen Tausend Menschen – die Flucht über das Meer.
Wer nicht entkommen konnte und die ersten Stunden des Gemetzels überlebte, geriet in Gefangenschaft. Zehntausende Frauen, Kinder und Männer wurden von den Mamluken in die Sklaverei verkauft; die Märkte von Damaskus und Kairo wurden in den Folgemonaten mit Gefangenen aus Akkon überschwemmt.
Ein letzter Akt des organisierten Widerstands formierte sich in der Eisenburg, dem befestigten Hauptquartier der Templer direkt an der Küste.
Unter der Führung des Marschalls Pierre de Sevry verschanzten sich dort einige Hundert Ritter sowie Zivilisten, die den Hafen nicht rechtzeitig erreicht hatten. Sie hielten die Festung noch zehn Tage lang gegen die ununterbrochenen Angriffe des Sultans. Als al-Aschraf Khalil Verhandlungen anbot und freien Abzug versprach, öffneten die Templer die Tore, doch als die mamlukischen Soldaten begannen, die Frauen und Knaben zu bedrängen, flammte der Kampf erneut auf. Die Ritter riegelten die Burg wieder ab. Am 28. Mai stürzte das von den mamlukischen Mineuren untergrabene Hauptgebäude schließlich komplett ein. Es begrub die letzten Verteidiger und Hunderte Angreifer unter seinen Trümmern. Mit diesem Einsturz endete die Ära der Kreuzzüge im Heiligen Land endgültig.
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