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„Natürlich darf geschossen werden“

Das gefährliche Echo Ulrike Meinhofs: Wie moralische Selbsterhöhung oft in Terror und Gewalt führt

KLAUS KELLE
Die in den 70er meistgesuchten Terroristen Deutschlands

BERLIN – „Protest ist, wenn ich sage, das und das passt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht.“ Diese Sätze von Ulrike Meinhof 1968 wird von Historikern als ihr persönlicher Wendepunkt beschrieben, der Moment, in dem sie für sich entschieden hat, von einer scharf formulierenden linksbürgerlichen intellektuellen Kritik an den bestehenden Verhältnissen in den gewaltsamen Kampf zu wechseln.

Wann ist der Punkt erreicht, an dem jemand die letzte rote Linie zu überschreiten bereit ist?

Mir fallen da viele Analogien ein

Sei es die kreischenden Kinder, die sich auf Autopflaster und Startbahnen festkleben, weil sie denken, sie könnten damit den Planeten retten. Oder seien es jüngst die Terroranschläge der sogenannten „Vulkangruppe“ auf die Stromversorgung der Hauptstadt und vorher das Tesla-Werk in Grünheide. Wenn Sie sich damit intensiver beschäftigen, finden Sie viele  beunruhigende Parallelen zur Frühphase der Roten Armee Fraktion (RAF).

Nehmen wir einfach nur das „Bekennerschreiben“ der linksextremen Vulkan-Kriminellen, das sich liest, als sei es direkt aus den Archiven der 70er Jahre geklaut worden. Meinhof sprach damals von der „repressiven Toleranz“, vom „Schweinesystem“ und der Notwendigkeit, die „Metropolen zu erschüttern“. Die „Vulkangruppe“ von heute nutzt ein nahezu ähnliches Wording, wenn sie von der „Zerstörung der technokratischen Normalität“, vom „Angriff auf die kapitalistischen Lebensadern“ und der „Entmachtung der Infrastruktur-Elite“ schreibt.

Diese Sprache dient damals wie heute einer Entmenschlichung des vermeintlichen Gegners, gegen den aus vermeintlicher moralischer Überlegenheit auch nackte Gewalt jederzeit gerechtfertigt ist.

Für Frau Meinhof war der Polizist ein „Bulle“, auf den man natürlich schießen dürfe

Für die modernen Terroristen ist das Stromnetz keine Dienstleistung des Staates am Bürger, sondern ein „Instrument der Unterdrückung“. In beiden Fällen wird die komplexe Realität einer modernen demokratischen Gesellschaft auf ein binäres Freund-Feind-Schema reduziert.

Ulrike Meinhof war eine Journalistin, wie man sie sich vorstellt, ja wünscht, eine Identifikationsfigur der linkskritischen Intelligenz, nicht korrumpierbar, eine Beißerin, die bei einem relevanten Thema nie die Spur verliert. Die kompromisslos war, wenn sie Witterung zu einem heißen Thema aufgenommen hatte.

Ihr Weg in den bewaffneten Kampf, den Terror gegen die Mächtigen und ihr System, begann mit Meinhofs Frustration über die weitgehende Wirkungslosigkeit des geschriebenen Wortes. Solche Diskussionen gibt es auch bei den linksradikalen antifa-Nazis von heute. Die Sicherheitsbehörden beobachten seit einiger Zeit, dass dort und in der Klima-Szene der Konsens wächst, dass Demonstrationen und Petitionen angesichts der drohenden „Klimakatastrophe“ oder auch der angeblich allumfassenden „digitalen Überwachung“ nicht mehr ausreichen.

Während Organisationen wie die „Letzte Generation“ noch auf Sichtbarkeit eines möglichst beeindruckenden Protestes setzen, hat die „Vulkangruppe“ den Schritt zur Aktion und Konspiration längst vollzogen – ähnlich wie die Baader-Meinhof-Bande nach der Baader-Befreiung 1970.

Der Angriff auf die Stromversorgung in Zehlendorf ist nicht Vandalismus. Es ist eine strategische Botschaft an uns hier draußen im bürgerlichen Rechtsstaat.

Ihre Botschaft:

Schaut her, dieser Staat ist verwundbar

Wir können das Licht ausschalten. Heute für Zehntausende und morgen für die ganze Welt?

Die RAF der 70er Jahre konzentrierte sich irgendwann auf die gezielte Tötung von Repräsentanten des Staates. Die „Vulkangruppe“ und Genossen verfolgen heute (noch) eine Strategie des „System-Blackouts“.

Sie greifen nicht den Politiker an seinem Schreibtisch an, sondern die Gesellschaft insgesamt, indem sie Strom, Wasser und Glasfaser zu ihren Zielen ausrufen. Diese Form von Terror hat das Potenzial, mehr Menschenleben zu gefährden als die Attentate der 70er Jahre. Ein flächendeckender Stromausfall in einer Millionenstadt wie Berlin trifft Krankenhäuser, Seniorenheime und die gesamte Rettungsarchitektur.

Die moralische Rechtfertigung der „Vulkangruppe“ – man wolle den „kapitalistischen Moloch“ stoppen – nimmt den Tod Unbeteiligter billigend in Kauf. Es ist die exakt gleiche ideologische Kälte, die Meinhof an den Tag legte, als sie das Leben eines Institutsangestellten bei der Baader-Befreiung als „notwendiges Opfer“ bezeichnete.

Wie so häufig winkt das deutsche links-woke Juste Milieu gelangweilt ab, oder wie Linke-Parteichef Jan van Aken jüngst sagte, linke Straftaten dienten dem Gemeinwohl und sei milder zu bewerten als „rechte Gewalt“.

Das sehe ich anders, denn wenn sich eine Bewegung selbst in eine existenzielle Endzeitstimmung hochschaukelt – seinerzeit „Vietnam-Völkermord“, heute „Klimakollaps“ und das Ende der Menschheit – wird Gewalt zu sowas wie einer ethischen Pflicht. Dazu kommt, dass die Radikalisierung heute viel schneller passiert durch die Möglichkeiten des Internets. Der Übergang zum Terrorismus geschieht dann nicht durch einen großen Knall, sondern durch eine schleichende sprachliche Verschiebung.

Wer die „Vernichtung von Infrastruktur“ fordert, wird irgendwann die Vernichtung derer fordern, die sie bedienen.

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Klaus Kelle, Chefredakteur