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In der Politik ist die Zeit der „alten weißen Männer“ wohl nun endgültig vorbei

KLAUS KELLE

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!

Ich meine, dem Mann ist strafrechtlich nichts vorzuwerfen. Rechtsanwalt, von 2008 bis 2011 Landesvorsitzender der Berliner Grünen. Dann Mitglied des Abgeordnetenhauses, zwischen 2017 und 2025 Mitglied des Deutschen Bundestages, verkehrspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Und trotzdem sind seine politisch Karriere und sein Ruf in der Öffentlichkeit zerstört.

Der Fall Stefan Gelbhaar spielt in einer Grauzone

Es geht um vermeintliche Grenzüberschreitungen des heute 49-Jährigen, die man früher als harmlosen Flirt betrachtet hätte, die aber nach der #Meetoo-Kampagne die Dinge dramatisiert und im links-woken Deutschland – inzwischen auch in weiten Teilen der westlichen Welt – zu einer geradezu hysterischen Debatte geführt haben.

Sicher erinnern Sie sich alle noch an den „Fall“ des FDP-Politikers Rainer Brüderle, damals Chef der Bundestagsfraktion.
Im Januar 2013 veröffentlichte die Journalistin Laura Himmelreich im Magazin „Stern“ einen Artikel, in dem sie eine Begegnung mit ihm an einer Hotelbar am Rande des traditionellen „Dreikönigstreffens“ seiner Partei schilderte. Brüderle habe ihr dabei auf den Busen geschaut und gesagt: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“. Zudem soll er ihre Hand geküsst und sie zum Tanz aufgefordert haben.

Hammer, oder?

Ein schwerer Fall sexueller Gewalt – jedenfalls in den Augen der Protagonistinnen der Feminismus-Industrie. Ich persönlich halte es tatsächlich heutzutage für ein bisschen unbeholfen, einer Dame die Hand zu küssen. Aber was soll daran anstößig sein?
Und sie zum Tanz aufzufordern, als Belästigung anzusehen? Wie krank muss man sein? Wenn ich gern mit einer Frau tanzen möchte, wie soll ich das tun, ohne sie zu fragen, ob sie das auch will? Soll ich sie einfach am Haarzopf über den Boden zur Tanzfläche ziehen wie meine Vorfahren in der Steinzeit das angeblich praktizierten, wenn sie auf die Balz gingen?

Schwerste sexuelle Verfehlung: „Möchten Sie mit mir tanzen?“

Aber zurück zum Fall Gelbhaar: Von der Justiz rehabilitiert, von der moralinsauren Woke-Blase an den Pranger gestellt, politisch vernichtet.

Der Fall des Berliner Grünen-Politikers zeigt wie kaum ein anderer die tiefe Kluft zwischen dem, was man Flirt nennt – gern auch unbeholfen und old fahioned wie im Fall Brüderle – und dem angeblichen Missbrauch politischer Macht bis hin zu einer veritablen Intrige lieber Parteifreundinnen.

Die schweren Vorwürfe sexueller Belästigung, die Gelbhaar 2025 zum Rückzug von seiner Bundestagskandidatur zwangen, haben sich nämlich als eine solche gezielte politische Intrige herausgestellt. Eine Hauptbelastungszeugin war frei erfunden, eidesstattliche Versicherungen wurden gefälscht. Gelbhaar hat vor Gerichten gesiegt, der öffentlich-rechtliche RBB musste sich für seine skandalisierende Berichterstattung entschuldigen und Entschädigungen zahlen. Rechtlich ist die Weste des Politikers absolut weiß.

Doch der juristische Sieg brachte dem Grünen keine Ruhe

Heute veröffentlich die BILD Chatverläufe Gelbhaars mit einer jungen Frau, die sich bei ihm um ein Praktikum beworben hatte.

Da schreibt er Sätze wie „Ich kiek mir deine Bilder zu gern an“ oder setzt Flammen-Emojis zu Fotos von ihr im Badeanzug. Das ist nicht strafbar. Und spontan schießt mir der Gedanke durch den Kopf, weshalb hat sie ihm überhaupt Badeanzug-Bilder geschickt? Aber natürlich bleibt auch die Frage: Was ist los mit dem Mann? Wieso schreibt ein erfahrener Bundestagsabgeordneter einer 22-Jährigen, die beruflich von seinem Wohlwollen abhängig sein könnte, auf diese Weise Nachrichten?
Andererseits: Darf man bei der Arbeit nicht mehr flirten?

Seriöse Untersuchungen brachten ans Tageslicht, dass sich etwa 15 Prozent aller Paare in Deutschland im beruflichen Umfeld kennenlernten. In der Altersgruppe der 40- bis 50-Jährigen steigt dieser Anteil sogar auf rund 40 Prozent. Und nach internationalen Studien führen rund 43 Prozent aller Büro-Romanzen schließlich zur Hochzeit. Und das soll nun alles böse-böse sein?

Wollen wir endgültig zum Land der Spießer werden? Sind wir es nicht vielleicht längst? Muss eine „Moral-Polizei“ her? „Sittenwächter“ wie im Iran, die festlegen und sanktionieren, wann frau zu sexy angezogen ist?

Das kann doch nicht euer Ernst sein

Muss jede digitale Interaktion, jeder ungeschickte Flirtversuch sofort zum Karriereende führen? Oder geht es Staat und Gesellschaft nichts an, wenn zwei erwachsene Menschen chatten – solange natürlich keine Gewalt oder handfeste Nötigung dabei im Spiel ist?

Aber ich bin „nur“ ein Mann, wie Sie wissen. Und natürlich muss ich es ernstnehmen, wenn Frauen sich durch Anmachsprüche gestört fühlen. Da gibt es ja auch solche und solche. Harmlose und penetrante bis hin zum Stalking. Da darf natürlich keine Frau alleingelassen werden.

Wer Badeanzug-Fotos kommentiert, während er über einen Praktikumsplatz entscheidet, vermischt Ebenen, die nicht vermischt werden dürfen. Aber wer um die eigenen Jobchancen zu erhöhen, Badeanzug-Fotos der Bewerbungsmappe beifügt, der spielt natürlich auch mit dem eigenen Frausein…

Bitte: Ich weiß nicht, ob das in diesem Fall tatsächlich so gewesen ist. Vielleicht hat Gelbhaar die Fotos von ihr auf Instagram entdeckt und unangemessen reagiert, kann alles sein. Mit geht es hier nicht um Schuldzuweisung.

Der Fall Gelbhaar ist vielleicht Ausdruck einer Zeitenwende, in der zumindest in der Politik das Zeitalter der „alten Männer“, die ihre Machtposition für private Avancen nutzen, endgültig vorbei ist. Wer Macht hat, muss Distanz wahren können! Politiker, die das nicht verstehen, scheitern vielleicht nicht mehr vor einem Strafrichter, aber am moralischen Kompass ihrer eigenen Basis. Bei den Grünen ganz sicher.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Klaus Kelle

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Klaus Kelle, Chefredakteur