Penisse und Vulven in Berlin
Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!
Darf man das überhaupt zum Thema eines Mediums für die bürgerlich-konservativ-christliche Intelligenz in Deutschland machen? Vermutlich wird es den einen oder anderen stören, aber nach dem Besuch der Ausstellung der serbischen „Performance-Künstlerin“ Marina Abramović gestern im Berliner Gropius-Bau drängt sich mir die Frage auf, ob das irgendwie noch Kunst oder eher gestört ist.
Und Themen, die sich mir aufdrängen, die teile ich gerne morgens hier mit Ihnen allen.
Seit fünf Jahrzehnten – also noch zu Zeiten des sozialistischen Brudervolks Jugoslawien mit seinem kommunistischen Widerstandskämpfer und späteren Diktator Josip Broz Tito – ist die in Belgrad geborene Künstlerin unterwegs, um „ihren eigenen Körper als Subjekt und Objekt, um die physischen und mentalen Grenzen des Menschen – wie Schmerz, Erschöpfung, Angst und Sterblichkeit – radikal auszutesten und zu überschreiten“, wie mir die KI erzählt hat.
Als die aktuelle Ausstellung begann, standen die Menschen zu Hunderten Schlange vor dem Eingang des im prachtvollen Stil der italienischen Renaissance gestalteten Ausstellungshauses in Kreuzberg mit seinen auffälligen, aufwendigen Terrakottaverzierungen, Mosaiken und der lichtdurchfluteten Rotunde im Inneren. Und wenn etwas viele Menschen interessiert, dann ist es die Pflicht des Journalisten, der Sache nachzugehen, sie wenigstens rudimentär zu verstehen und darüber zu schreiben.
Auch gestern waren viele Besucher da, vornehmlich Frauen mittleren Alters, die ich in der Mehrheit kategorisieren würde als Leserinnen des Bestsellers „Salz auf unserer Haut“ (französischer Originaltitel: Les Vaisseaux du cœur) der französischen Schriftstellerin und Feministin Benoîte Groult. Ein erotischer Roman aus dem Jahr 1988, der weltweit millionenfach verkauft wurde und im deutschsprachigen Raum zu einem absoluten „Kultbuch“ wurde – bei den Damen, die ich oben kurz beschrieben habe.
Pluderhosen, Sandalen, Nickelbrille, das Haar offen. Ich bin überzeugt, jede von ihnen, die sich da gestern zwischen zwei und vier Meter hohen Penissen interessiert Videofilme anschauten, in denen junge Serbinnen im Regen tanzen und während des Tanzes immer wieder plötzlich ihre traditionellen Röcke hochhoben und den direkten Blick auf ihre Scham freilegten, hat dieses Buch gelesen, in dem eine Intellektuelle aus Paris aus dem hochangesehenen Bürgertum eine heiße Affäre mit einem einfachen bretonischen Fischer beginnt.
Und die Besucherinnen gestern standen vor den „Exponaten“ mit ernstem Blick, so als betrachteten sie einen echten Renoir.
Ich will das gar nicht abwerten, aber Sie wissen, was ich meine?
Dieses Milieu, in dem man morgens mit dem SUV des wohlhabenden Gatten zum Bioladen fährt und vegane Brötchen einkauft und natürlich unbedingt wegen des Klimas die Grünen wählt, während der CDU-Großvater im Haus verzweifelt…
Doch zurück zu Marina Abramović…
1974 wurde sie international bekannt, als sie sich sechs Stunden lang regungslos einem Publikum zur Verfügung stellte, das 72 teils harmlose, teils lebensgefährliche Gegenstände (Rosen, Messer und eine geladene Pistole) an ihr anwenden durfte. Mit dieser Aktion wollte sie zeigen, wie schnell menschliche Aggressionen in einem rechtsfreien Raum eskalieren können. Sowas als Kunst im sozialistischen Tito-Jugoslawien? Sachen gibt’s.
Oder 2020: Da saß Frau Abramović während einer dreimonatigen Retrospektive im Museum of Modern Art (MoMA) in New York täglich für dann summiert über den Zeitraum 736 Stunden schweigend auf einem Stuhl. Besucher konnten sich ihr abwechselnd gegenübersetzen, um einen intensiven, lautlosen Augenkontakt zu teilen. Hunderttausende Menschen wollten live dabei sein.
Es ist schon so eine Sache mit der Kunst
Was ist Kunst wert? Man fragt sich das oft, wenn man Berichte über die Kasseler „documenta“ liest oder sieht und allerlei staatlich geförderten Unsinn.
Muss der Staat Kunst überhaupt fördern? Sind nicht „Das Phantom der Oper“ oder „Top Gun“ auch Ausdruck von Kunst? Wer bestimmt eigentlich, was künstlerisch wertvoll ist oder was weg kann?
Das sind so Themen, mit denen man sich in unseren Milieus viel zu wenig beschäftigt.
Frau Abramović ist augenscheinlich Feministin, die das Weibliche in den Mittelpunkt stellt und alte Mythen aus anderen Kulturen vorstellt – wie man einst die Standfestigkeit des Ehemannes oder Liebhabers und auch seine ewige Treue mittels Tinkturen festigte.
Und als bürgerlich-konservativer Mann aus der ostwestfälischen Provinz braucht man ein paar Minuten, bis man sich daran gewöhnt hat, was einem hier von Raum zu Raum entgegenspringt oder dargeboten wird. Und vier Meter hohe Penisse, zugegeben, das hat etwas Bedrohliches.
Aber ich habe es nicht bereut, mir die Ausstellung anzuschauen. Weil es mir hilft zu verstehen, warum unser Land heute so ist, wie es eben ist, und was für Menschen unterwegs sind, die in einer Welt abseits von Migrantengewalt, Geldnöten und Spritpreisen hier leben und wählen.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Klaus Kelle
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Klaus Kelle, Chefredakteur