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Intellektuelle fordern mehr als nur Geld

Afrikaner für ein Ende der mildtätigen Fürsorge: Gegen das Interesse am Erhalt des Elends

Volker Seitz, Botschafter a. D.
Afrikanischer arbeiten an einem Aufforstungsprojekt.

Die heftigsten Kritiker von Entwicklungshilfe sind afrikanische Intellektuelle, die Handel, direkte Investitionen und Bildung statt Almosen fordern. Wole Soyinka, Teju Cole, Ken Ochieng Apolo, Aly Khan Satchu, Victoria Abla Kuzorli und José Eduardo Agualusa wehren sich gegen die Darstellung, dass Afrika „hilfsbedürftig“ sei.

Sie fordern stattdessen Eigenverantwortung und verstärkte Anstrengungen, Bildungseinrichtungen zu verbessern.

„Hilfe“ diene nur dazu, die Macht der herrschenden Eliten zu zementieren. Sie fordern mit mehr oder weniger scharfen Worten einen harten Entzug der Hilfe. Nur wenn die Regierungen dadurch gezwungen werden, produktive Volkswirtschaften aufzubauen, müssen sie ihren Bürgern gegenüber rechenschaftspflichtig werden.

Ich verstehe diese Afrikaner, nachdem ich viele Jahre in verschiedenen afrikanischen Ländern gearbeitet habe

Viele Projekte wurden an den Bedürfnissen der Menschen vorbeigeplant. Trotzdem gibt es immer noch ein unübersehbares Wohltätigkeitsnetz von staatlichen und privaten Hilfsagenturen. Alle wollen „helfen“. Unzählige Projekte oder Programme wurden als Fremdkörper in den Ländern durchgeführt. Wie ich  immer wieder in 17 Jahren beobachten konnte, haben diese Projekte kurz nach Beendigung keine Spuren mehr hinterlassen, weil sie die Menschen abhängig gemacht , sie an den Zustand der stetigen Hilfe gewöhnt und so die Bildung der Eigeninitiative behindert haben. Während ihrer Laufzeit waren sie erfolgreich, da es an Geld für Betriebsmittel, Fahrzeuge und hohe Gehälter nie gemangelt hat.

Ich kann nachvollziehen, wenn afrikanische Intellektuelle (und nicht nur die oben genannten)  davon sprechen, dass diese Art Hilfe mehr Interesse am Bestehen des Elends statt an seiner Abschaffung hat, weil sie korrupte und undemokratische Regime stabilisiert, private Investitionen verhindert und die Mitsprache der betroffenen Menschen kaum Gewicht hat. In der Tat konnte ich beobachten, dass sich die Entwicklungshelfer oft eher in internen Prozessen und der Verwaltung verlieren, als sich mit den Menschen, von denen sie nur wenig wissen, zu beschäftigen.

Meines Erachtens sollten größere Teile der Gelder wirksamer genutzt werden. Derzeit leben ungefähr 11 Millionen afrikanische Migranten in Europa. Afrikaner, die es außerhalb ihres Kontinents geschafft haben, Erfolg versprechende Produkte oder Dienstleistungen zu entwickeln, sollten gefördert werden. Der deutsche Mittelstand und die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) könnten Managementfähigkeiten unterstützen, und das BMZ könnte für einige Jahre Wagniskapital zur Verfügung stellen. Die damit gegründeten Unternehmen, etwa im Handwerk, in der Infrastruktur, Lebensmittelverarbeitung, Medizintechnik, Biotechnologie, Pharmazie oder IT, könnten dringend benötigte Arbeitsplätze schaffen.

Ich rege direkte Investitionen aus Entwicklungshilfemitteln zum Aufbau einfacher, arbeitsintensiver Industrien an, z. B. um Pflastersteine herzustellen, um einfache Straßen zu bauen. Asphaltstraßen müssen oft schon nach der zweiten Regenzeit instandgesetzt werden, während Pflastersteine bei Bedarf leicht ersetzt werden können. Ich habe ein derartiges Projekt in Benin begleitet. Obwohl es der afrikanischen Jugend Arbeit und eine Zukunft gegeben hat, wurde es aus mir unverständlichen Gründen wieder eingestellt.

Eine weitere Idee wäre die Gründung eines Unternehmens für das Recycling von Elektroschrott, als Ersatz für die Deponie von Agbogbloshie in Accra, der Hauptstadt von Ghana.

Viele Menschen sind dort wirtschaftlich von der Arbeit auf der Müllhalde abhängig. Junge Männer und Kinder arbeiten unter gefährlichen Bedingungen (Atemwegserkrankungen, Krebsrisiko), um die oft aus Europa illegal eingeführten Geräte, Computerfestplatten, Kühlschränke, Gefriertruhen und Fernseher manuell zu zerlegen, um wertvolle Metalle zu gewinnen. Die Verbrennung von Elektroschrott setzt giftige Dämpfe frei. Toxische Chemikalien gelangen in den Boden und das Grundwasser.

Die wertvollen Rohstoffe wie Kupfer, Coltan und Cadmium könnten gesundheitlich fachgerecht in einem gemeinsamen Unternehmen recycelt werden. Wenn die Jugendlichen angestellt würden, könnten sie zum Familienunterhalt beitragen. Hier könnte die deutsche Entwicklungshilfe tatsächlich etwas für den Umweltschutz, die Gesundheitsvorsorge sowie soziale Gerechtigkeit tun. Der Klima-Aktivismus wie in Europa funktioniert in Afrika nicht. Hier könnten wir allerdings das Klima in Accra wahrhaftig verbessern. Vielleicht würde ein solches Projekt auch das Ansehen Deutschlands in Afrika erhöhen.

Afrika war für die deutsche Politik in den vergangenen Jahren leider ein Randthema

Wir haben Chancen verpasst, weil wir zu selbstsicher und unbeweglich geworden sind und mit erhobenem Zeigefinger sagen, wie die Welt zu sein hat. Unser Fehler war von Anbeginn, dass wir keine Ziele und Interessen definiert haben, was wir in Afrika wollten. Diese Frage wurde mir in jedem Land gestellt, in dem ich gelebt habe. Entwicklungshilfe genügt nicht, ein bisschen Handel und ansonsten Menschenrechte sind keine tragfähige Grundlage für politische Beziehungen.

Volker Seitz, Botschafter a.D. und Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“, dtv, letzte Auflage 2025

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Klaus Kelle, Chefredakteur