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Jedes Gebrüll spült die Erinnerung an die Öberfläche des Bewusstseins

PTBS: Jeder Mensch hat 3 x im Leben ein traumatisches Erlebnis – viele Polizisten haben das dreimal pro Woche

KLAUS KELLE
Polizeibeamte im Einsatz

Es ist Muttertag, der 10. Mai 2020, kurz vor ein Uhr nachts. In Bonn-Lannesdorf, einer beschaulichen Wohngegend, wird eine Streifenwagenbesatzung zu einem Routineeinsatz gerufen: Ruhestörung. Ein Mann soll laut schreiend gegen geparkte Autos schlagen. Für die Polizistin und ihren Kollegen ist es ein Einsatz, wie sie ihn dutzendfach im Monat erleben. Doch innerhalb von Sekunden verwandelt sich die Routine in einen Albtraum, der das Leben der Beamten für immer verändern wird.

 

Sekunden, die alles verändern

 

Als die beiden Beamten aus ihrem Fahrzeug steigen, stürmt ein 26-Jähriger unvermittelt auf sie zu. Er hat ein Messer in der Hand. Ohne Vorwarnung und extrem aggressiv sticht er dem Polizisten gezielt in den Hals und das Gesicht. Der Beamte sackt schwer verletzt zusammen, Blut strömt aus einer lebensgefährlichen Wunde. Die Polizistin steht innerhalb von Sekunden nicht nur in einer lebensgefährlichen Situation, sondern gleichzeitig vor der psychischen Zerreißprobe ihres Lebens.

Die Beamtin sieht ihren Partner sterbend am Boden, muss gleichzeitig blitzschnell reagieren. In einer Mischung aus Überlebensinstinkt und Professionalität zieht sie ihre Dienstwaffe. Auch der verletzte Kollege feuert noch. Der Angreifer wird tödlich getroffen.

Während die körperlichen Wunden des Kollegen durch eine Notoperation geheilt werden kann, beginnt für die Polizistin ein unsichtbarer Kampf, der niemals enden wird. In der polizeilichen Nachsorge wird deutlich, dass gerade die „unverletzte“ Beamtin oft die schwerste Last trägt. Sie war Zeugin der massiven Gewalt gegen ihren Partner und musste gleichzeitig die finale Entscheidung über Leben und Tod des Täters treffen.

Das, woran die Betroffenen oft lebenslang leiden, nennt man Survivor’s Guilt (Überlebensschuld) oder massive Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Die Bilder des blutenden Kollegen und der Moment, in dem sie schießen muss, um zu überleben, brennen sich als „Flashbacks“ ins Gedächtnis ein. Jede künftige Ruhestörung, jedes plötzliche Gebrüll auf der Straße kann das Trauma triggern. Die Polizistin musste nicht nur das Ereignis verarbeiten, sondern auch das behördliche Verfahren durchlaufen, das nach jedem Schusswaffengebrauch standardmäßig eingeleitet wird. Auch das ist extrem belastend.

 

„Drei Mal im Leben vs. drei Mal die Woche“

 

Der Fall aus Bonn ist kein Einzelschicksal, sondern die Spitze eines Eisbergs. Ein oft zitierter Vergleich in Fachkreisen der Polizeipsychologie verdeutlicht die Diskrepanz: Während ein Durchschnittsbürger in seinem gesamten Leben statistisch zwei bis drei Mal traumatisierende Ereignisse erlebt (schwere Unfälle, Tod von Angehörigen), sind Polizisten im operativen Dienst manchmal mehrfach pro Woche mit menschlichem Leid, Leichenfundorten, Gewalt oder extremen Bedrohungen konfrontiert.

Laut dem Bundeslagebild Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamte des BKA werden jährlich über 90.000 Beamte Opfer von Gewalt. Bis zu 22 Prozent, jeder fünfte Polizist, entwickeln im Laufe ihrer Karriere Symptome einer PTBS. Und die Dunkelziffer ist hoch, da die „Cops-Culture“ verlangt, keine Schwäche zu zeigen. Wer „psychisch angeschlagen“ ist, fürchtet um seine Waffentauglichkeit und damit um seine Karriere.

Lange Zeit wurde PTBS bei der Polizei nur anerkannt, wenn sie auf ein einzelnes, massives Ereignis zurückzuführen ist. Die sogenannte „kumulative Traumatisierung“ – also das langsame Zerbrechen an vielen kleinen, schrecklichen Erlebnissen – wird rechtlich erst langsam als Dienstunfallfolge akzeptiert.

Heute gibt es spezialisierte Anlaufstellen wie den Polizeipsychologischen Dienst oder Vereine wie „Lachen Helfen“, die sich auch um traumatisierte Einsatzkräfte kümmern. Der Fall Bonn-Lannesdorf erinnert daran, dass hinter jeder Uniform ein Mensch steht. Die Polizistin, die in jener Nacht ihren Dienst tat, rettete wahrscheinlich Leben, zahlte dafür aber einen hohen Preis mit ihrer seelischen Gesundheit.

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Klaus Kelle, Chefredakteur