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Ein Schaden von mehr als drei Milliarden Euro

Wirecard-Prozess kreist um das Phantom Marsalek

CARSTEN HOEFER
ARCHIV – Im Wirecard-Prozess geht es um einen der größten Betrugsfälle der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Foto: Sven Hoppe/dpa/dpa-tmn

Im Münchner Wirecard-Prozess wird ein Abwesender zur Hauptfigur: Der seit drei Jahren untergetauchte Vertriebsvorstand Jan Marsalek hat in einem von seinem Anwalt aufgesetzten Brief an das Landgericht München I massive Anschuldigungen gegen den Kronzeugen der Anklage erhoben. Das geht aus Auszügen des Schreibens hervor, die die Verteidigung des ehemaligen Vorstandschefs Markus Braun am Mittwoch im Gerichtssaal vortrug.

Über seinen Anwalt wirft der in Russland vermutete Marsalek dem Kronzeugen Oliver Bellenhaus vor, sich der Staatsanwaltschaft als «anpassungsfähiger Zeuge» angedient zu haben, um sich später «in Freiheit mit von ihm veruntreuten Firmengeldern in Millionenhöhe als geläuterter Büßer nach Dubai zurückziehen zu können». Diese Zitate verlas Rechtsanwalt Nico Werning, einer der Verteidiger Brauns.

Turbulenter Prozessverlauf

Am Vormittag hatte es in dem bunkerartigen unterirdischen Gerichtssaal im Münchner Gefängnis Stadelheim zunächst Wortgefechte gegeben. «Wollen Sie den Brief in der Schublade verschwinden lassen», fragte Brauns verärgerter Verteidiger Alfred Dierlamm in Richtung Richterbank.

Wie den im Gerichtssaal verlesenen Zitaten weiter zu entnehmen war, widerspricht Marsalek nicht nur Aussagen des Kronzeugen, sondern auch der Einschätzung des Insolvenzverwalters, dass ein Großteil der Wirecard-Geschäfte erfunden gewesen sei. Das würde die Verteidigung Brauns stützen. Dessen Anwälte beantragten die Verlesung des vollständigen Schreibens in der Hauptverhandlung. Die Kammer entschied zunächst nicht über den Antrag, sondern beendete den Prozesstag.

Ein Schaden von mehr als drei Milliarden Euro

Laut Anklage bildeten der seit Sommer 2020 in Untersuchungshaft sitzende Vorstandschef und seine Komplizen eine kriminelle Betrügerbande. Sie sollen Banken und Investoren nicht vorhandene Geschäfte vorgegaukelt haben, um mit Hilfe von Krediten in Milliardenhöhe ihr defizitäres Unternehmen über Wasser zu halten.

Die Münchner Staatsanwaltschaft beziffert den Schaden für die Kreditgeber auf über drei Milliarden Euro, das wäre der größte Betrugsschaden in Deutschland seit 1945. Die Anklage stützt sich ganz wesentlich auf die Aussage des Kronzeugen Bellenhaus, ehedem Leiter der Wirecard-Tochtergesellschaft in Dubai.

Der Prozess läuft seit Anfang Dezember – Ende offen

Braun und seinen Verteidigern zufolge war das «Tatbild» ein ganz anderes: Demnach waren die Wirecard-Geschäfte echt, Drahtzieher Marsalek und seine Mittäter sollen jedoch den Konzern ausgenommen und an die zwei Milliarden Euro auf eigene Konten umgelenkt haben. Ein ebenso ahnungsloser wie unschuldiger Ex-Vorstandschef Braun wäre demnach selbst getäuscht worden und weder Täter noch Mitwisser gewesen. Brauns Verteidiger haben den Kronzeugen Bellenhaus mehrfach der Lüge beschuldigt.

Diese Argumentation steht im Widerspruch nicht nur zur Anklage, sondern auch zur Einschätzung des Insolvenzverwalters Michael Jaffé: Der hatte kürzlich in einem neuen Sachstandsbericht bekräftigt, keine Spur der vermissten Milliarden gefunden zu haben. Sollte das Gericht am Ende Dierlamms Argumenten folgen, würde das sowohl für die Münchner Staatsanwaltschaft als auch den Insolvenzverwalter einen großen Rufschaden bedeuten.

Zeugen ohne Insiderwissen

Der Prozess läuft seit Anfang Dezember, der Mittwoch war der 53. Prozesstag. Bisher haben jedoch nur Zeugen ausgesagt, die von den Ermittlern nicht zur Wirecard-Bande gezählt werden, und nach Auffassung Dierlamms dementsprechend auch kein Insiderwissen zum größten Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte haben.

Marsalek soll seine Geschäfte sogar vor dem übrigen Vorstand abgeschottet haben, wie die frühere Produktvorständin Susanne Steidl als Zeugin erläuterte. «Ich habe keine Passwörter gehabt», sagte die 52 Jahre alte Managerin. Wie Braun und Marsalek stammt auch sie aus Österreich.

Die Schlüsselfigur Marsalek

Marsalek verantwortete als Vertriebsvorstand das Geschäft mit sogenannten Drittpartnerfirmen. Externe Zahlungsdienstleister wickelten im Wirecard-Auftrag – echte oder erfundene – Kreditkartenzahlungen überwiegend in Asien ab. Im Sommer 2020 war der einstige Dax-Konzern zusammengebrochen, weil 1,9 Milliarden Euro angeblicher Erlöse aus diesem Drittpartnergeschäft nicht auffindbar waren. Marsalek floh ins Ausland und wird in Russland vermutet, Braun stellte sich der Justiz.

Marsaleks Drittpartnergeschäft war nach Steidls Worten auch für sie als Mitglied der Konzernspitze unzugänglich, die Transaktionen auf externen Computersystemen abgespeichert: «Auf den Wirecard-Servern war das nicht», sagte sie. «Ich hatte keine Vorstellung, wo das war.»

Welche Absicht steckt hinter dem Brief?

Steidl hatte eigenen Worten zufolge keine Ahnung, dass es bei dem Konzern kriminell zuging: «In meiner Wahrnehmung war Wirecard erfolgreich.» Zweifel hatte sie jedoch sowohl an Braun als auch an Marsalek: Steidl war in den Monaten vor dem Zusammenbruch des Konzerns der Meinung, dass beide «weg müssten», bestätigte sie eine Frage des Richters.

Ungeklärt blieb am Mittwoch auch ein weiteres von vielen Wirecard-Rätseln: Welches Motiv Marsalek dazu getrieben haben könnte, sich per Anwaltsbrief bei Gericht zu melden.

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Klaus Kelle, Chefredakteur