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Irgendwann müssen sie klären, ob die Partei regieren will

AfD-Verteidigungspolitiker Rüdiger Lucassen schmeißt hin

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Der bisherige verteidigungspolitische Sprecher der AfD, Rüdiger Lucassn

BERLIN – Er ist von Anfang an für die AfD im Deutschen Bundestag. Und er ist von Anfang an verteidigungspolitischer Sprecher seiner Partei dort. Denn Hans-Rüdiger Lucassen ist ein Juwel für jede Partei, weil niemand im Hohen Haus seine Fachkompetenz bestreitet, weil er einfach Ahnung von seiner Materie hat.

Offiziersanwärter der Heeresfliegertruppe, Absolvent der Hochschule der Bundeswehr in Hamburg und dann Hubschrauberpilot. Als er die Bundeswehr 2006 auf eigenen Wunsch verließ, war er Oberst.

Und in der AfD-Bundestagsfraktion hat er jetzt seinen Rücktritt als verteidigungspolitischer Sprecher erklärt

Schon seit einiger Zeit versuchen Parteifreunde, den früheren untadeligen Militär zur Strecke zu bringen. Denn Lucassen nimmt das ernst, erst dem Land und danach der Partei dienen zu wollen.

Vehement stritt er für die Wiedereinführung der Wehrpflicht und die massive Aufrüstung der Bundeswehr mit Menschen und Material. Und er hat eine klare Haltung, wenn es um die elementaren Fragen der Verteidigung seines, unseres Vaterlands geht. Denn der Oberst a. D. Lucassen weiß um die große Gefahr, die Europa durch den russischen „Gröfaz“ Wladimir Putin droht, dessen Land nicht nur einen gnadenlosen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine führt, sondern mit täglichen hybriden Angriffen auch Deutschland und andere europäische Länder auf ihre Verteidigungsbereitschaft „testet“.

Wenn dann ein unbestrittener Fachmann kommt und sich zur NATO und zum transatlantischen Bündnis mit den USA bekennt und öffentlich vor russischen Aggressionen warnt, dann kommt das nicht gut an in einer Partei, die in Moskau das Gegenmodell zum angeblich „linksgrün-versifften“ Westen und seiner amerikanischen Schutzmacht sieht. Wo man im DDR-Schulunterricht unablässig gehört hat, dass Amerika der Feind ist. Das bekommt man nicht so schnell aus dem Kopf.

Morgen sollte Lucassen in einer Sitzung des „Arbeitskreises Verteidigung“ abgewählt werden, berichtete t-online. Angeblich bestehe ein „Vertrauensverlust“ und Lucassen habe ein „Führungsdefizit“. Doch der AfD-Politiker kam dem innerparteilichen Zwergenaufstand von rechts zuvor. In einem Brief an die AfD-Chefs Alice Weidel und Tino Chrupalla – der seine sicherheitspolitische Expertise einst bei Lanz im ZDF unter Beweis stellte, als er auf die Frage nach russischen Kriegsverbrechen antwortete, Putin habe ihm nichts getan – erklärte Lucassen seinen Rücktritt.

„In der öffentlichen Diskussion der letzten Monate ging es allerdings auch immer wieder um meine Person und den außen- und sicherheitspolitischen Kurs unserer Partei, den ich vertrete. Eine Diskussion, die mittlerweile in einer innerparteilichen ‚Freund-Feind-Spirale‘ feststeckt“, so Lucassen in dem Brief.

Ende vergangenen Jahres hatte er schon mal eine „Missbilligung“ der Fraktionsspitze kassiert, weil er im Bundestag öffentlich die wehrpolitischen Vorstellungen des thüringischen Landesvorsitzenden Björn Höcke zerlegte. Sowas auf großer Bühne und öffentlich – kein Wunder, dass die Stimmung danach eisig zurückwehte.

Auch ein echter Teamplayer ist Lucassen sicher nicht

Mehrfach hat er Papiere ohne Absprache oder gar Erlaubnis der Fraktion an die Medien durchgesteckt. So kurz vor der Münchner Sicherheitskonferenz ein Papier mit dem Titel „Europas Sicherheit, unser Kontinent, Deutschlands Führung“, in dem Lucassen Deutschland als „Führungsnation“ zur Verteidigung des NATO-Gebietes erklärte.

Die „Putin-hat-mir-nichts-getan“-Partei lehnt das eigenmächtige Handeln ihres führenden Militärexperten zunehmend ab. Und als sich die AfD in Ostdeutschland begann, mit blauen Fahnen und weißen Friedenstauben als „Friedenspartei“ zu inszenieren, standen sich zwei Gruppen unversöhnlich gegenüber.

Die AfD, die seit ihrer Gründung mit Mut und Geschick viele Themen aufgegriffen hat, und die für sich in Anspruch nehmen darf, dass sie bei der Massenmigration allen anderen das Wasser abgegraben hat, diese AfD versagt in der Außen- und Sicherheitspolitik kolossal, wie sich auch jüngst beim amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran zeigte.

Mit Lucassen hat die AfD jetzt vielleicht ihren besten Mann für den Bereich Sicherheit gemobbt und zum Aufgeben gebracht.

Aber es geht nicht um Personalien, es geht darum, ob die AfD zu einer politischen Kraft heranwächst, die zu realer Gestaltungspolitik fähig ist. Und dieser inhaltliche Kampf hat gerade erst begonnen.

Nachfolger als verteidigungspolitischer Sprecher soll der Abgeordnete Jan Nolte aus Hessen werden, früher Zeitsoldat bei der Bundeswehr, zuletzt im Rang eines Oberbootsmanns. Nolte ist russisch-orthodox.

 

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Klaus Kelle, Chefredakteur