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Der Putsch: Ein „Staatsstreich“ der Vollverstrahlten

Dunkle Wolken über dem Reichstag

von THILO SCHNEIDER

BERLIN – Das war bestimmt ganz schön knapp. Mit 3.000 Polizisten und einem Heer an Reportern und Journalisten konnten 52 Leutchens gerade noch daran gehindert werden, einen Staatsstreich und die Wiedereinführung der Monarchie unter König Heinrich LGBTQX zu verüben. Es stellt sich eigentlich nur die Frage, was knapper war: Die Erstürmung des Reichstags durch lustige Fahnenträger mit Kegelclub-ohne-Eintrittskarte-Attitüde oder hier die Verschwörung einiger Wirrköpfe tief in den 60ern auf telegram.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich will keineswegs rechtsextreme Netzwerke verharmlosen, denn es gibt sie, vor allem tief in Sachsen. Mein Problem ist, dass ich dieser Regierung nichts – aber auch gar nichts mehr glaube.

Ich war und bin bestimmt auch keiner der Journalisten, die vom Innenministerium angerufen und gebeten werden, die Razzien gegen die verschwörerischen Staatsfeinde zu begleiten. Im Gegenteil müsste ich damit rechnen, auf der falschen Seite der Türe zu stehen, die gerade von einem Sondereinsatzkommando eingerammt wird. Immerhin könnte ich da dann auch direkt berichten – nur eben als Betroffener, nicht als Treffender. Würde mir ein Politiker einen Guten Morgen wünschen, ich würde auf die Uhr sehen. Nicht, um die Zeit zu kontrollieren, sondern um zu checken, ob er mir die Uhr nicht soeben gestohlen hat.

Ich habe seit 2015 so viel Lächerlichkeiten, aufgeblasene Popanze, Propaganda und freche Lügen und Realitätsverleugnungen erlebt, dass ich nicht sicher sein kann, ob sich hier ein wehrhafter Staat gezeigt hat oder ich soeben Zeuge einer blechdonnernden Theateraufführung Haldenwangs, des willfährigsten Geheimdienstchefs, den das Nachkriegsdeutschland nach Erich Mielke je hatte, geworden bin.
Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, ich könnte mir aber vorstellen, dass hier Senioren verhaftet wurden, die auf Telegram Stauffenberg spielten und sich gegenseitig imaginär Ministerposten einer virtuellen Phantasie-Regierung zuspielten.

Ja, der ein- oder andere ist sicher Jäger und hat daheim einen guten Suhler „Zwilling“ im Schrank stehen. Oder er ist Bundeswehrsoldat, der trotzdem nicht einfach sein Gewehr mit nach Hause nehmen kann und mit seiner Transportkompanie die Joachim-von-Ribbentrop-Kaserne hätte übernehmen können wollen sollen. Beim derzeit traurigen Stand der Bundeswehr ein in der Untat abenteuerliches Unterfangen. Wenn die am besten ausgerüstet Einheit das Heeresmusikkorps ist.

Aber vielleicht ist es ja tatsächlich ganz anders und ein rechtsextremes Netzwerk hatte bereits Schlüsselstellungen in Regierung, Verwaltung und den Medienhäusern besetzt, die auf das Stichwort „Bodensatz“ die paar noch nicht geschlossenen Regierungsgeschäfte übernommen hätten. Ich weiß es ja nicht.

Was ich weiß, ist, dass es einige ziemlich verstrahlte Leute hier im Land mit ganz viel Aua am Stahlhelm gibt, deren Weltsicht so radikal saudoof ist, dass sich Klima-Kleber dafür schämen würden. Ich sollte einst eine illustre Facebook-Gruppe von aufrechten Bürgern administrieren, und das habe ich ziemlich genau 48 Stunden lang gemacht, bevor ich mich so derart ekelte, dass ich mich aus der Gruppe sofort wieder abmeldete. Und ich bin eigentlich sehr leidensfähig.

Da gab es tatsächlich einen Typen, der beweisen wollte, dass „de Jodn“ hinter allem stecken und als Beweis Fotos aller möglichen Politiker postete, wie sie eine Kippa tragen. Auf meinen Gegenbeweis, dass es die Karnevalisten sind, die hinter allem stecken, weil ich ihm die gleichen Politiker mit Narrenkappe als Beweis anbot, wurde der Verschwörungspraktiker sehr ungehalten. Wenn es aber doch die Karnevalisten sind? Beim derzeitigen Zustand der Ampel halte ich das nicht für ganz ausgeschlossen.

Ich will hier gar nicht auf die paranoid Vollverstrahlten eingehen, die die „Chemtrail-Niederschläge“ mit einem Töpfchen Essigwasser auf der Terrasse neutralisieren (danke dafür!) oder glauben, dass Queen Elizabeth in Wahrheit die Königin der Reptiloiden gewesen ist oder sicher sind, dass in der Corona-Impfung Chips und Naniten zur Gedankensteuerung enthalten waren. Es genügt mir, zu wissen, dass es hierzulande Menschen gibt, die aufgrund ihrer völkerrechtlichen Laienkenntnis zutiefst davon überzeugt sind, dass das Deutsche Reich in den Grenzen vom 30.August 1939 oder, noch besser, in den Grenzen vom 8. November 1942 immer noch existiert.

Man kann die Macht des Faktischen mit diesen Reichsbürgern auch schlecht diskutieren. Sie überrollen Dich mit Shaef-Weisungen der Alliierten von 1945 und 1946 und sind tödlich beleidigt, dass sie die 10 Reichspfennig für Falschparken in der ehemaligen Adolf-Hitler-Allee in Breslau nicht per PayPal überweisen können. Diese Menschen leben in einer Parallelwelt, in der das Deutsche Reich eben fortbesteht und in dem sich geschätzt 20 Reichskanzler darum rangeln, wer von ihnen der legitimste Reichskanzler ist. Der eine hat sich selbst ernannt, der andere hat mit den Russen verhandelt und wurde von denen ernannt, irgendein Busfahrer hingegen ist direkt von den Amerikanern ermächtigt, fürderhin als Reichskanzler die Geschicke Deutschlands zu lenken.

Von irgendeinem Kaff im Nirgendwo aus, in dem er Reichsführerscheine aus dem Farbkopierer zieht. Das kann man ja alles machen und gerade ich als Reenactor und Computerspieler weiß, wie schön und amüsant es ist, König, Kaiser und Bettelmann zu sein. Nur dürfen der bürgerliche Kaiser und seine treuen Vasallen dann nicht darauf hoffen, ernstgenommen zu werden. So etwas wertet Wahnsinn ja dann auch noch auf. Nicht, dass ich das nicht schon aus der LGBTQ-Community gewohnt wäre, die für mich in eine Kategorie mit Scheibenweltlern fallen, nur, dass es für Letzteres keinen Lehrstuhl an der Uni Paderborn gibt.

So aber wirkt die ganze Aktion der „Staatsnotwehr“ von 3.000 Polizisten gegen 52 Spinner wie eine Propagandashow auf dem Rücken geistig Behinderter.

Es tut mir leid. Ich kann da nicht an eine Verschwörung glauben, die den halben Staatsapparat mit 25 Senioren, Arbeitslosen und Leistungsempfängern unterwandert haben soll, um da zu putschen. Das riecht für mich nach einer Verschwörungstheorie über Verschwörungstheoretiker und stelle mir vor, wie die ehemalige AfD-Abgeordnete Birgit Malsack-Winkemann (eigentlich eher ein Name, der zur Mitgliedschaft bei den Grünen berechtigt) mit einem Schwert aus der Amazon-Edition auf der Treppe zum Reichstag von einem Ninja-Polizisten abgefangen wird. Allerdings dürften die nächsten Tage hier Auskunft bringen, ob ein Unteroffizier der KSK eine Panzerfaust im Keller nebst der schmerzlich vermissten Gepard-Munition gelagert hat. Ich bin, ehrlich gesagt, sehr gespannt! Und, Entschuldigung, auch leicht amüsiert.

(Noch mehr Unglaubliches des Autoren unter www.politticker.de)

Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22 Euro.

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Klaus Kelle, Chefredakteur