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Die FDP nach der NRW Wahl: „Wann denken die Liberalen mal über ihren Parteichef nach?“

Christian Lindner, FDP-Bundesvorsitzender, spricht beim FDP-Bundesparteitag in Berlin. Foto: Monika Skolimowska

von JULIAN MARIUS PLUTZ

BERLIN – Vor mehr als zwei Jahren schrieb ich für achgut.com den Artikel „Wann wird endlich die heilige Kuh Christian Lindner geschlachtet?“. Seine Partei stand bei knapp fünf Prozent, ihr Auftreten konnte man guten Gewissens als desolat bezeichnen. Die FDP war und bestand ausschließlich aus ihrem Parteichef, dessen Performance seinem Wahlkampf entsprach: Entsättigt.

Nun, 24 Monate später, wählte Lindners Bundesland, Nordrhein-Westfalen. Die Liberalen, inzwischen Regierungspartei im Bund, liegen in NRW wieder bei knapp fünf Prozent. CL, wie er sich gerne nennt, als wäre er ein Fußballprofi, ist nun Finanzminister. Besser machen wollte er es damals als Guido Westerwelle, der 2009 das Amt des Außenministers annahm und damit bis dato der schlechteste seiner Zunft war – bis Heiko Maas kam und ihn spielerisch unterbot.

Putins Krieg als moralischer Lackmustest

Doch nur wenige Wochen im Amt beweist uns der Mann aus Wuppertal das Gegenteil. Täglich werden „Sondervermögen“ gefunden, ein absurder Euphemismus für neue Schulden, die besonders junge Menschen belasten. Erstwähler, die im hohen Maße der FDP ihr Vertrauen schenkten. Was für ein Irrtum.

Bei Putins Krieg zeigt dich Lindner, der auch noch Vizekanzler ist, blutleer, wortkarg und überfordert. Unfähig, in Zeiten der größten europäischen Krise seit dem zweiten Weltkrieg, die richtigen Worte, geschweige denn angemessene Taten zu finden, lenkt er die FDP ins Niemandsland moralischen Morastes. Die Partei, einst für weitsichtige Außenpolitik bekannt, lässt sich von den Grünen in dieser Hinsicht mehrfach überrunden. Neben Baerbock wirkt Christian Lindner wie ein Schuljunge, der in seinem viel zu teuren Kommunionsanzug eingesperrt ist. Das kann auch die wackere Strack-Zimmermann nicht wettmachen.

„Christian, es ist Zeit zu gehen!“

Für eine konservativ-freiheitliche Politik braucht es zwingend eine alerte FDP, die eben nicht nur funktional ist, was das Machtbestreben und Machtbestehen angeht, sondern eigene Akzente setzt. Ansonsten ist sie, wie fast bei der NRW-Wahl raus. Die Liberalen könnten nun, wie im Bund, den Steigbügelhalter für Rot-Grün spielen und damit endgültig unter die Räder kommen. Doch gerade in Fragen der Energiegewinnung könnten die Grünen hilfreich sein. Daniel Günther in Schleswig-Holstein will nach Fracking-Gas bohren. Eine Ökopartei in der Opposition könnte mehr als nur unangenehmen Gegenwind evozieren. Und doch bringt eine Koalition mit den Grünen viele Probleme. Von der Finanzpolitik über das Gendern bis zur Identitätspolitik. Konflikte sind da vorprogrammiert.

Und die AfD? Die wird mit ihrer personellen Malaise namens Tino in absehbarer Zeit keine Alternative sein, und es ist auch nicht vorstellbar, dass sich das so schnell ändert. Ein tiefer Blick, gerade in die zweiten, dritten und vierten Reihen der Partei genügt, um zu erkennen, dass je dunkler das Scheinwerferlicht ist, desto unmoralischer und niederträchtiger sich manche Protagonisten dort verhalten.

Daher bleibt die FDP der genuin geeignete Partner für eine Union, die zu ihren Werten zurückgefunden hat. Jedoch ohne Lindner. Würde ich ihn kennen, würde ich ihm zurufen: „Christian, es ist Zeit. Mach nicht den gleichen Fehler, wie deine Vorgänger. Gehe, bevor du noch nicht die Würde verloren hast. Ein Posten bei Novartis oder DocMorris ist dir sicher!“.

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Klaus Kelle, Chefredakteur