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Analyse des Kräfteverhältnisses

Kann Russland einen Krieg gegen den Westen gewinnen?

KLAUS KELLE
Werbung für den Dienst in der russischen Armee.

Ich hatte als Journalist im Jahr 2015 das Privileg, den Oberkommandierenden der US-Streitkräfte in Europa, Generalleutnant Ben Hodges, persönlich kennenzulernen. Nichts Geheimes, sondern beim alljährlichen Empfang der Amis auf ihrer Basis in Wiesbaden, zu der ich über einen Freund eingeladen wurde. Irgendwann kam die Pressesprecherin der Army dort zu mir, die gehört hatte, dass ich auch für den FOCUS schrieb. Sie stellte mir Ben Hodges vor und wir plauderten unverbindlich ein paar Minuten über dies und das.

Ich erzählte ihm, dass meine Tochter gerade ein Highschool-Jahr in Minnesota absolvierte, und irgendwann fragte ich natürlich, ob er bereit sei, mir ein Interview zu geben zur Sicherheitslage in Osteuropa nach der russischen Annexion der Krim. Er sagte spontan zu.

Seine Sprecherin meldete sich, und wir vereinbarten den 8. Februar 2016 für das Interview.

Unglücklicherweise erlitt ist am 30. Januar 2016 einen schweren Herzinfarkt, überlebte nur knapp und lag fast drei Wochen im künstlichen Koma. Meine Frau sagte alle Termine ab, auch diesen, auf den ich mich wirklich sehr gefreut hatte. Später, als ich wieder bei Verstand und Kräften war, erfuhr ich, dass der hochrangige General – er hat zweifellos anderes zu tun – damals bei uns zu Hause anrief, um sich zu erkundigen, wie es mir geht.

Später war ich dann irgendwann zusammen mit einer Handvoll anderer Journalisten zu einem Hintergrundgespräch bei ihm eingeladen. Ein unvergesslicher Abend, im Garten seines Hauses rund um einen Feuerkorb zwischen Journalisten von Washington Post, New York Times, CNN, ZDF, Sat.1 saß „Klaus Kelle, Freelancer“ und lauschte den Ausführungen des Generals, historisch auf der Höhe der Zeit, nachdenklich, zurückhaltend, nüchtern  reflektierend über Wladimir Putin und die Ukraine. Das war so eine Sternstunde, wo ich wieder weiß, warum ich meinen Journalistenberuf bis heute so liebe.

Ben Hodges ist so ganz anders als man sich einen Ami-Cowboy in Uniform vorstellen würde. Ganz anders.  Kultiviert, nachdenklich, auch außermilitärisch ein gebildeter Mann. Und so ganz anders als die deutschen Generäle, die man uns in Fernsehtalkshows immer wieder vorsetzt. Und die schon im Februar 2022 wussten, dass der Ukraine-Krieg innerhalb von 14 Tagen beendet sein werde. Ganz sicher.

In einem Interview mit der BBC hat Hodges – inzwischen im Ruhestand – gerade wieder kluge Worte gesagt. „Im Moment verbringen wir zu viel Zeit damit, uns Sorgen darüber zu machen, was die Russen tun könnten. Stattdessen sollten wir sie dazu bringen, sich darüber Gedanken zu machen, wozu wir fähig sind“, sagte er.

Und weiter: „Ich glaube nicht, dass sie dumm sind. Wenn sie in der Ukraine Erfolg haben, dann könnten sie in den nächsten zwei, drei, vier Jahren woanders hingehen. Diese Möglichkeit besteht natürlich.“ Die ukrainische Armee sei heute bereits größer und besser als jede andere in Europa. Und natürlich habe das Land noch einen weiten Weg vor sich, es gäbe viel Korruption und fehlende Transparenz. Aber aussichtslos? Das sei der Widerstand der Ukraine gegen die russischen Invasoren auf keinen Fall. Wenn der Westen das Land nicht fallenlasse und den ukrainischen Streitkräften gebe, was sie zur Verteidigung bräuchten.

Zu Hodges‘ Aussagen passt, was heute Morgen unsere Redaktion per Ticker erreichte. Das amerikanische „Institute for the Study of War“, ein international angesehener ThinkTank, spricht Russland jede Fähigkeit ab, in einem großen Krieg gegen den Westen siegen zu können.

„Die bestehenden und latenten Fähigkeiten des Westens übertreffen die Russlands bei Weitem“, schreibt das Institut. Das Bruttoinlandsprodukt der NATO-Staaten, der Nicht-NATO-Staaten der EU und der asiatischen Verbündeten belaufe sich auf über 63 Billionen Dollar. Das russische BIP liege dagegen bei 1,9 Billionen Dollar. „Wenn wir uns einmischen und vorpreschen, verliert Russland“, heißt es in der Einschätzung. Die Behauptung, der Krieg sei aufgrund der russischen Dominanz nicht zu gewinnen, sei eine russische Informationskampagne; das Hauptaugenmerk von Kremlchef Wladimir Putin liege darauf, den Willen und die Entscheidungen des Westens zu beeinflussen.

Und weiter: „Die russische Strategie, auf die es am meisten ankommt, ist daher nicht Moskaus Kriegsführungsstrategie, sondern vielmehr die Strategie des Kreml, uns dazu zu bringen, die Welt so zu sehen, wie er sie sehen möchte, und in dieser vom Kreml geschaffenen alternativen Realität Entscheidungen zu treffen, die es Russland ermöglichen, in der realen Welt zu gewinnen.“

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Klaus Kelle, Chefredakteur