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Wenn das Benzin in Deutschland zum Luxusgut wird

Nie war der Begriff vom flüssigen Gold so treffend wie heute.

von DANIELA SEIDEL

BERLIN – Die Zahl der gemeldeten Benzindiebstähle hat sich seit Beginn der Ukraine-Krise beinahe verdoppelt. Das bestätigt die Polizei in Berlin und Brandenburg. Und auch aus anderen Teilen Deutschlands häufen sich ähnliche Meldungen. In erster Linie werde hierbei Kraftstoff aus LKWs oder landwirtschaftlichen Maschinen abgelassen.

Das ist naheliegend, weil einfach und nicht so aufwändig wie der Diebstahl von Kleinstmengen aus Privatfahrzeugen.

Tankbetrug hat Konjunktur in diesen Zeiten, die Statistik vermeldet ein Allzeithoch. Die ohnehin schon hohen Fallzahlen des Vorjahres haben noch einmal um gute 40 Prozent zugelegt, seit sich Diesel und Benzin konsequent über der zwei-Euro-Marke eingependelt haben. Zwar werden nahezu alle Tankstellen videoüberwacht und jeder Tanksünder sofort zur Anzeige gebracht. Allerdings setzen die exorbitanten Spritpreise bei etlichen Autofahrern wohl zunehmend erhebliche kriminelle Energien frei.

Die meisten dieser Delikte werden mittlerweile mit gestohlenen Nummernschildern verübt. So ist es sicherlich empfehlenswert, wenn Sie ab und zu einen Blick darauf werfen, ob Ihr Fahrzeug a) noch da ist und falls ja b) das Nummenschild auch noch. Und nicht einmal das reicht aus, denn findige Diebe tauschen auch gern mal Ihr Nummernschild gegen…irgendein anderes aus. So gilt man schnell nicht nur als zu Unrecht beschuldigter Benzinlangfinger, sondern ist ahnungslos auch noch mit gestohlenen Kennzeichen unterwegs.

In diesem Zusammenhang überrascht es fast ein wenig, dass nicht bereits eine, wiederum von unseren Steuergeldern finanzierte, Studie in Auftrag gegeben wurde, wie es zu diesem sonderbaren und gehäuften Verhalten kommt. Auch die Spargelbauern wundern sich ja, warum dieses Jahr der Absatz so zu wünschen lässt. Der naheliegende Zusammenhang zwischen astronomischen Spargel-Luxus-Preisen und dramatisch gestiegenen Energiekosten, horrenden Nachzahlungen und teilweise blanken Existenznöten kann es ja wohl kaum sein. Da müssen jetzt mal Experten ran.

Ein Vergleich zu Italien wäre an dieser Stelle übrigens auch interessant. Dort ist der Dieselpreis seltsamerweise seit Kriegsbeginn stabil, der Benzinpreis ist seither sogar um 8 Cent pro Liter gefallen. Merkwürdig. Der heutige Ölpreis (101,67 $/Barrel) am Weltmarkt liegt sogar niedriger als im  Jahr 2012 (109,87$/Barrel). Dabei kostete Diesel damals 1,48€ und Benzin 1,64. Und da haben sich schon viele aufgeregt.

Das Phänomen könnte man nun beispielsweise darauf zurückführen, dass Italien, ganz im Gegensatz zu uns, beschlossen hat, Sondergewinne der Energiekonzerne zusätzlich zu besteuern. Und mit diesen Einnahmen dann Betriebe und Familien zu subventionieren. Denkbar, dass durch diese Ankündigung die Motivation der Konzerne, Preise ungebremst in die Höhe zu schrauben, den ein oder anderen Dämpfer erfahren hat. Ist aber auch nur so eine Idee.

Herr Habeck jedenfalls kann, neuesten Verlautbarungen zufolge, noch höhere Spritpreise bei uns nicht ausschließen. Das läge dann daran, dass Autofahrer in Erwartung des kommenden Tankrabattes in den nächsten Tagen nicht tanken. Dieses würde dann bei zeitversetzen, sprunghaften Vollbetankungsorgien eine weitere Preissteigerung quasi zwingend nach sich ziehen.

Oder wie Minister Habeck das formuliert: „Dann ist die Nachfrage noch viel größer und das Benzin wird auf einmal ein noch kostbareres Gut und dann haben wir den Preis gesenkt, aber in Wahrheit geht er nach oben.“

Also im Klartext: höhere Spritpreise trotz niedrigerer Spritpreise. Aha. Gut, dagegen ist man dann wohl machtlos. Zumindest, wie wir sehen, in Deutschland.

Aber vielleicht ist es uns Normalsterblichen auch einfach nicht gegeben, die Komplexität des Geschehens zu begreifen. Unser Wirtschaftsminister hingegen kann offenbar (so wie unser ehemaliger, geschätzter Gesundheitsminister Spahn mit seinem legendären Testregime) wohl auch mal um zwei Ecken denken. Gut, dass wir so kluge und auf das Wohl der Bürger bedachte Köpfe in der Regierung haben. Danke! Für nichts.

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Klaus Kelle, Chefredakteur