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Das Messer ist inzwischen Risikobestandteil in unserem Leben

„Einmann“ mit Messer? Kein Problem – meiden Sie einfach Orte, wo es bunt und vielfältig ist

THILO SCHNEIDER
FOTO: depositphotos/stevanovicigor | Immer häufiger in der deutschen Kriminalstatistik: der Messerangriff.

Am 4. April 2024 um 12.17 titelt die BILD einen Artikel mit der Überschrift „Syrer sticht Mädchen (4) im Supermarkt nieder!“ an.

Am 4. April 2024 um 12.22 Uhr hat die Bild den Header umgeschrieben. Der lautet nun, unverfänglicher, „Mann sticht Mädchen (4) im Supermarkt nieder!“

Tatsächlich hätte die Überschrift ganz exakt „Niederländer mit syrischem Migrationshintergrund sticht Mädchen (4) im Supermarkt nieder!“ lauten müssen, aber das hätte wahrscheinlich nicht in den Header gepasst, „Syrer“ war so nicht korrekt und so muss man sich in der Redaktion auf das klassische und unverfängliche „Mann“ geeinigt haben. Wie schon so oft gelesen und wie es auch hier wieder bei so ziemlich allen Medien getitelt wurde.

Die gelernten Ossis wussten noch, wie man zwischen den Zeilen liest, wir Wessis haben es in den vergangenen Jahren auch gelernt: Wenn im Titel „Mann sticht…“ steht, dann weiß der Leser, dass es sich bei dem Mann um einen „Mann mit Migrationsvordergrund“ handelt. Allerdings ist dazu dann etwas Eigenrecherche im Web gefragt. Steht da hingegen „Peter S. sticht…“, dann ist die Sache klar und es handelt sich tatsächlich um einen Deutschen mit schon länger hier lebendem Hintergrund und künftig lebenslänglichem Hintergrund, wenn er keine sehr gute Entschuldigung, wie eine Psychose oder einen Vollrausch, für seine Tat hat.

Abgesehen von dem Gezappel um die Überschrift geht es mir aber um etwas ganz anderes: Ich lese derartige Artikel überhaupt nicht mehr. Ob einer mit dem Messer auf ein Kind losgeht oder seine Ehefrau, seine Tochter, Schwester, auf seinen Nebenbuhler oder einfach auf eine zufällig ausgewählte Person: Diese Art Meldung hat sich bei mir zu einer Art „Hintergrundrauschen“-Meldung herabgestuft. In etwa vergleichbar mit „schwerer Unfall auf der A3“.

Ich weiß, dass solche Dinge und Taten passieren, dass sie sogar sehr häufig passieren und ich sehe Messermorde mittlerweile als Risikobestandteil des Lebens in Deutschland. Ich fahre einfach nicht mit 200 km/h in Stauende und ich meide nach Möglichkeit Bahnhöfe und Innenstädte, insbesondere nach Einbruch der Dunkelheit. ´s ist eben so. Im Jahr 2022 starben 2776 Menschen im Straßenverkehr (also 7,6 Menschen pro Tag). Im gleichen Zeitraum gab es, laut ZDF und BKA, 12.355 Messerattacken, oder umgerechnet 34 am Tag, allerdings ohne Morde und Diebstähle, diese führt das BKA separat, aber ohne die Tatwaffe anzugeben. Da wären wir bei 246 Ermordeten im Jaher 2022 oder, auf den Tag herunter gebrochen, 0,67 Opfern.

Die Briten haben es etwas genauer, da wurden 2022 insgesamt 282 Menschen durch Messer getötet, also signifikant weniger als es in Deutschland tödliche Autounfälle gab.

Das ist jetzt ein bisschen Äpfel und Birnen, denn die bedauernswerten 246 in Deutschland Gekillten wurden ja nicht nur mit Hilfe von Messern, sondern mit allen möglichen Tatgegenständen, vom Konzertflügel bis hin zur mit Säure gefüllten Todesspritze oder den berühmten „Katzenschnurrhaaren im Essen“ „um die Ecke“ gebracht. Wahrscheinlicher also sterbe ich bei einem Autounfall als bei einem Messermord. Statistisch gesehen ist übrigens meine Wahrscheinlichkeit, in einem Käfig voller hungriger Rottweiler zu Nassfutter verarbeitet zu werden, noch viel geringer. Trotzdem steige ich nicht in einen Käfig mit hungrigen Rottweilern. Auch, wenn die Todesursachenstatistik im Vergleich für mich spricht!

So ist das eben, im Jahr 2024

Ich habe gelernt, Messermorde als gegeben und als statistisch erfassbare Zahl hinzunehmen. Als zusätzlich hinzu gekommenes Lebensrisiko. Ich lese die obige Meldung vom messermordenden Einmann und wende mich den Sportergebnissen zu, da Bayern München diese Saison wohl ohne Titel abschließen wird, was ja auch ein starkes Stück ist. Worüber sollte ich mich auch aufregen? Nun sind die messerschwingenden Einmänner nun einmal da und da brennt gelegentlich eben dem ein oder anderen die Sicherung durch. Vor allem, wenn er nicht bekommt, was er erwartet und begehrt. So ist es eben, und hätten wir es anders gewollt oder würden wir es anders wollen, dann müssten wir eventuell anders wählen als bisher. Aber selbst da wird es ja durch brandgemauerte Irrgärten schwierig, die richtige Mischung und Gemengelage zu finden. Irgendwelche Blödis oder Unappetitlichen gibt es ja in jeder Partei und jeder denkbaren Koalition, ob mit oder ohne „Brandmauer“.

Unter dem Strich fahre ich eben nur noch selten in die Innenstadt und nur noch selten schneller als 140 km/h und ich meide Landstraßen. Ich kann zwar nicht jedes Risiko ausschließen, aber, ganz im Ernst: Was habe ich auch nachts um 1 Uhr am Bahnhof herumzulungern? Da, wo ich mich in der Freizeit aufhalte, wie Museen, Lesungen oder Kirchen, gibt es normalerweise keine Messerschwinger. Anfahrt erfolgt, ganz klimaschädlich, aber fürs eigene Wohlbefinden gesünder, mit dem PKW oder, wenn es weiter weg ist, mit dem Flugzeug. Also Kopf hoch, so lange er noch dran ist. Meiden Sie einfach die Orte, wo es „bunt“ und „vielfältig“ ist und lassen Sie sich Ihr Essen und Ihre Waren liefern. So bleiben Sie länger gesund und am Leben. Begeben Sie sich in die innere Kapitulation. So schlimm wird es schon nicht. Jedenfalls nicht zu Ihren Lebzeiten.

(Weitere kopflastige und messerscharfe Artikel des Autors unter www.politticker.de

 Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22 Euro.

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Klaus Kelle, Chefredakteur