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Was wir von der Türkei lernen können

Liebe Leserinnen und Leser,

die schrecklichen Monate des Krieges in der Ukraine rufen zahlreiche Hobby-Analysten auf den Plan, die genau zu wissen vorgeben, was die großen Spieler auf der Weltbühne gerade denken und vorhaben. Das ist so wie mit den 80 Millionen Bundestrainern bei einer Fußball-WM. Jeder glaubt zu wissen, was jetzt das Richtige wäre und welchen Schachzug unsere Jungs aus dem Hut zaubern müssten, damit alles gut wird. So ist das auch in der großen Politik. Irgendwie weiß jeder, was „die Chinesen“ vorhaben, und dass „die Inder“ mit den Russen dealen, und dass „die Iraner“ Militärgüter für Putins Feldzug gegen das Nachbarland liefern.

Mag sein, dass da auch etwas dran ist, ich bin nicht so gut informiert über die globalen Vorgänge wie mancher Facebook-Stratege. Aber grundsätzlich bin ich überzeugt, dass erst einmal fast jedes Land nur seine eigenen Interessen verfolgt. Und da kann China – nach allen Gesetzen der Logik – kein Interesse haben, sich vom Westen ganz ab- und den Russen zuzuwenden. Es sei denn, Putin überreicht seinen Laden komplett als Protektorat an das Reich der Mitte. Aber nicht einmal da wäre ich sicher, ob Peking zustimmen würde.

Der aus meiner Sicht interessanteste Staat in diesem ganzen Konflikt ist…die Türkei. Bei Präsident Recep Tayyip Erdogan weiß wirklich niemand, wie er dran ist. Die Türkei spielt überall mit, deren Rolle und deren Einfluss werden immer wichtiger. Die Türkei ist in der NATO, aber Erdogan nennt Putin weiter seinen „Freund“. Die Türkei hat die Aufnahme von Schweden und Finnland in die NATO blockiert, um Zugeständnisse im Kampf gegen die PKK zu erreichen. Vermutlich gibt’s auch noch ein paar moderne Kampfjets aus den USA, mal schauen, was ich auf Facebook dazu lese.

Und jetzt das Neueste

Vor der türkischen Küste, bei Karasu, 200 Kilometer östlich der Einfahrt zum Bosporus, liegt das russische Frachtschiff „Zhibek Zholy“ fest. Die türkische Zollbehörde hat den Frachter gestoppt, weil die ukrainische Regierung darum gebeten hat. Denn die mehrere Tausend Tonnen Getreide an Bord seien von russischen Truppen in der Ukraine gestohlen worden. Der ukrainische Botschafter in Ankara,Vasyl Bodnar, hatte die Türkei aufgefordert, „notwendige Maßnahmen“ zu treffen, denn die Getreidefracht stamme aus der besetzten ukrainische Hafenstadt Berdkjansk am Nordufer des Asowschen Meeres.

Bei diesem unerfreulichen Vorgang handelt es sich gleichzeitig um den für Journalisten schönen Fall, dass die andere Seite versehentlich bestätigt, was ihr vorgehalten wird. In diesem Fall nämlich hatte Evgeny Balitsky, Chef der pro-russischen Regierung, am 30. Juni selbst auf Telegram gepostet: „Nach zahlreichen Monaten der Verzögerung hat das erste Handelsschiff den Handelshafen Berdjansk verlassen, 7000 Tonnen Getreide sind auf dem Weg in befreundete Länder.“ Und dieses Handelsschiff mit dem geklauten Getreide für „befreundete Länder“ ist die „Zhibek Zholy“.

Wie das ausgeht? Keine Ahnung. Irgendwann werden sie den Frachter weiterfahren lassen, wohin auch immer.

Aber dieser Vorgang wirft ein Schlaglicht darauf, dass eben alle ihr eigenes Spiel spielen in diesem Konflikt. Und nur Deutschland hat es in den vergangenen Jahrzehnten verlernt, eigene Interessen zu formulieren, geschweige denn durchzusetzen.

Die Türkei agiert überaus geschickt, Erdogan, dem kaum einer wirklich traut, manövriert sein Land meisterhaft durch diese instabilen Zeiten – nicht nur in der Ukraine-Krise. Er hat Russlands Überfall auf die Ukraine verurteilt, trägt die Sanktionen mit, liefert der Ukraine effektive Kampfdrohnen und bestellt zum Ärger des Westens Flugabwehrsysteme in Moskau. Die Türkei macht nur das, was gut für die Türkei ist. Alles andere interessiert die nicht.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Klaus Kelle, Chefredakteur